Die leisen Leiden der stillen Borderliner

Stilles Borderline: Was es ist und was Betroffene tun können

Woran denkst du, wenn du „Borderline Persönlichkeitsstörung“ hörst?

Vielleicht hast du dich noch nie mit diesem Thema beschäftigt und dadurch auch keine Vorstellung, was sich hinter diesem Begriff verbergen könnte.

Möglicherweise hast du aber ein ganz genaues Bild im Kopf: Eine wütende, aggressive, manipulative Person, die ihrem Umfeld das Leben schwermacht und sich selbst verletzt, wenn sie nicht ihren Willen bekommt.

Dieses Klischee ist leider sehr verbreitet und führt dazu, dass die Betroffenen stigmatisiert und gemieden werden. Dabei trifft dieses Bild längst nicht auf alle Borderliner*innen zu und meist stecken auch ganz andere Motive hinter ihrem Verhalten, als Außenstehende annehmen.

Eine im deutschen Sprachraum noch nahezu unbekannte Variante der Borderline Persönlichkeitsstörung ist das sogenannte „stille Borderline“, das insbesondere introvertierte und (hoch)sensible Menschen entwickeln können.

Stille Borderliner*innen sind das genaue Gegenteil des lauten, aggressiven, streitsüchtigen Klischees. Sie ziehen sich meist vollkommen zurück und leiden im Stillen, häufig sogar unbemerkt von ihrem Umfeld.

In diesem Artikel möchte ich dir diesen Subtypen der Borderline Persönlichkeitsstörung näher vorstellen.

Vielleicht erkennst du dich darin selbst oder eine angehörige Person wieder (aber bitte sieh von Selbst- oder Fremddiagnosen ab).

Und wenn nicht, schafft dieser Artikel bei dir möglicherweise ein größeres Bewusstsein dafür, dass Borderline nicht gleich Borderline ist und die Betroffenen nicht vorschnell als „Monster“ abgestempelt werden sollten (denn die meisten sind keine).

Triggerwarnung

Dieser Artikel beschreibt psychische Erkrankungen, insbesondere die Borderline Persönlichkeitsstörung und komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Wenn du selbst traumatische Erfahrungen gemacht oder dich momentan psychisch nicht stabil fühlst, könnte dieser Artikel dich triggern. Entscheide also bitte verantwortungsvoll, ob du ihn lesen möchtest oder nicht.

Hinweis

Dieser Artikel dient nur zur Information und ersetzt keine professionelle Diagnose oder Beratung. Ich bin weder eine Ärztin noch eine Psychotherapeutin.

Ich benutze im Artikel häufig den Begriff „Borderliner*in“ für Betroffene. Dies ist nicht abwertend gemeint.

Was ist die Borderline Persönlichkeitsstörung?

Die Borderline Persönlichkeitsstörung ist eine psychische Erkrankung aus dem Bereich der Persönlichkeitsstörungen. Eine Persönlichkeitsstörung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass bestimmte Merkmale des Verhaltens und der eigenen Persönlichkeit besonders ausgeprägt, unflexibel oder wenig angepasst sind.

Die Borderline Persönlichkeitsstörung wird im DSM-V (dem amerikanischen Klassifikationssystem für psychische Krankheiten) mit neun Kriterien beschrieben. Davon müssen mindestens fünf zutreffen, damit die Diagnose gestellt werden kann. Hier die Diagnosekriterien auf einen Blick (die kursiven Anmerkungen stammen von mir):

  1. Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.
    Dies kann sich darin äußern, dass die Person extrem anhänglich ist, schnell eifersüchtig reagiert oder – im schlimmsten Falle – sogar versucht, andere (häufig unbewusst) zu manipulieren, aus Furcht, von ihnen im Stich gelassen zu werden. Was auch typisch ist: Eine Beziehung zuerst zu beenden, aus Angst, von der anderen Person in Kürze verlassen zu werden.
  2. Instabile, aber intensive zwischenmenschlicher Beziehungen, die durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet sind.
    Diesen Verhalten bezeichnet man als „Splitting“. Die Person kann etwa ihrem Partner sagen, dass sie ihn über alles liebe und ihm kurze Zeit später wütend an den Kopf werfen, dass er das Schlimmste sei, was ihr jemals widerfahren ist. Wichtig: Es handelt sich hier nicht um falsche oder vorgetäuschte Gefühle. Sowohl die Liebe als auch der Hass sind echt.
  3. Störung der Identität: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
    Die Person passt beispielsweise ihre Persönlichkeit und Interessen ihrem Umfeld an oder ändert ziemlich schnell ihre Ziele und Überzeugungen. Auch kann sich dies darin äußern, dass die Person eine extrem schwankende Meinung von sich selbst hat. Mal ist sie mit sich im Reinen, überschätzt sich vielleicht sogar und ein anderes Mal versinkt sie im Selbsthass und glaubt, ein schlechter Mensch zu sein, der ständig nur versagt.
  4. Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen, z. B. Geldausgaben, Sexualität, Substanzmissbrauch, rücksichtsloses Fahren, „Essanfälle“. 
  5. Wiederholtes suizidales Verhalten, Suizidandeutungen oder -drohungen oder Selbstverletzungsverhalten.
    Achtung: Auch wenn Menschen mit Borderline teilweise häufig mit Suizid drohen, sollte es IMMER ernst genommen werden! Eine Suiziddrohung ist in der Regel ein verzweifelter Versuch, Aufmerksamkeit und damit Hilfe zu bekommen. Und noch ein Hinweis: Bitte bezeichne Selbstverletzung nicht als „Ritzen“. Das wird von den Betroffenen meist als sehr abwertend wahrgenommen (und ist es auch).
  6. Affektive (d. h. die Stimmung betreffende) Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmung, z. B. hochgradige episodische Misslaunigkeit (Dysphorie), Reizbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden und nur selten mehr als einige Tage andauern.
    „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ trifft es hier auf den Punkt. Es kann also auch zu heftigen depressiven Verstimmungen kommen, gefolgt von Euphorie und umgekehrt. Im Gegensatz zur Bipolaren Störung wechseln die Stimmungen schneller und werden häufig auch durch Trigger ausgelöst.
  7. Chronische Gefühle von Leere.
    Manche beschreiben dieses Gefühl auch als innere Taubheit oder extreme Langeweile, obwohl sie etwas zu tun hätten.
  8. Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu kontrollieren, z. B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut, wiederholte körperliche Auseinandersetzungen.
  9. Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.
    Paranoide Vorstellungen können etwa Verfolgungsängste oder die unbegründete Angst vor Gefahren in der Öffentlichkeit sein. Im Gegensatz zu Menschen, die an einer Psychose leiden, wissen Borderliner*innen aber häufig, dass es sich um Paranoia handelt und die Symptome treten nur in Stresssituationen auf. Dissoziation bedeutet, dass sich das Bewusstsein vom Körper „loslöst“. Das kann sich zum Beispiel so anfühlen, dass man alles nur noch durch einen Nebel wahrnimmt und die Geräusche um einen herum weit entfernt klingen. Auch Depersonalisation (das eigene Ich, bzw. der eigene Körper wird als fremd oder verändert wahrgenommen) oder Derealisation (die Umgebung wird als verändert, unreal oder „wie im Traum“ wahrgenommen) können hierbei eine Rolle spielen.

Im ICD-11, dem aktuellen Klassifikationssystem für Krankheiten, das in Deutschland verwendet wird, wird die Borderline Persönlichkeitsstörung nahezu deckungsgleich beschrieben.

Meist tritt Borderline im frühen Erwachsenenalter auf und wird häufiger bei Frauen, als bei Männern diagnostiziert. Forscher*innen gehen jedoch davon aus, dass beide Gruppen etwa gleichhäufig betroffen sind und die Dunkelziffer bei den männlichen Borderlinern recht hoch ist. Ein Anhaltspunkt ist hier, dass betroffene Männer häufiger dazu neigen, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen und dann eher im Gefängnis als beim Psychologen landen. Was natürlich fatal für die Betroffenen ist.

Außerdem kommt es oft vor, dass eine Borderline Persönlichkeitsstörung gleichzeitig mit anderen psychischen Erkrankungen (Komorbiditäten) auftritt, etwa Depressionen, Angststörungen, (komplexen) posttraumatischen Belastungsstörungen, Zwangserkrankungen, Essstörungen, Suchterkrankungen, usw.

Was sind die Ursachen von Borderline?

Die Wissenschaft vermutet, dass mehrere Faktoren bei der Entwicklung einer Borderline Persönlichkeitsstörung eine Rolle spielen.

Sowohl die genetische Veranlagung, als auch Umwelteinflüsse werden als die wichtigsten Ursachen betrachtet.

Viele Betroffene haben traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit oder Jugendzeit gemacht, insbesondere im Elternhaus. Es gibt aber auch Borderliner*innen, die nicht traumatisiert sind.

Achtung: Traumata können auch schon im Baby- oder Kleinkindalter auftreten. Wir können uns in diesem Fall selbst nicht mehr daran erinnern, aber die Folgen bekommen wir ggf. trotzdem zu spüren.

Wie unterscheidet sich das stille Borderline?

Stilles Borderline betrifft vor allem eher introvertierte, sensible Menschen, kann aber theoretisch auch bei anderen Temperamenten auftreten. Menschen ticken unterschiedlich und genau deshalb sind auch Krankheitsbilder unterschiedlich ausgeprägt. Darüber habe ich ja bereits in meinem Artikel über Introvertierte und Depression berichtet.

Während „typische“ Borderliner*innen vor allem dadurch charakterisiert werden, dass sie – teilweise verzweifelt – Kontakt zu Menschen suchen, wenn es ihnen schlecht geht, und ihre Gefühle, inklusive ihre starke Wut nach außen tragen (also, zum Beispiel mit jemandem Streit anfangen oder jemanden anschreien und beleidigen), sind stille Borderliner das genaue Gegenteil.

Im Folgenden möchte ich dir ein paar typische Merkmale von stillen Borderliner*innen näher beschreiben.

Krankhafter Perfektionismus

Stille Borderliner*innen leiden häufig unter einem krankhaften Perfektionismus. Allerdings nicht in dem Sinne, dass sie besonders penibel ihre Arbeit erledigen oder Angst haben, Fehler zu machen.

Der Perfektionismus dieser Betroffenen besteht darin, ein möglichst perfektes Bild nach Außen zu wahren, so, als sei alles in Ordnung, auch wenn in Wirklichkeit gerade ihre Welt in Schutt und Asche liegt.

Leider wird stilles Borderline deshalb manchmal als „high-functioning Borderline“, also hochfunktionales Borderline bezeichnet.

Dieser Begriff ist aber höchst irreführend, da Betroffene meist nicht weniger unter ihrer Krankheit leiden, als andere Borderline-Typen. Ja, vielleicht sogar noch mehr, weil sie sich zwingen, in der Gesellschaft scheinbar zu „funktionieren“, obwohl es ihnen furchtbar schlecht geht.

Da kommt es dann zu Situationen, in denen Betroffene sich jeden Tag zur Arbeit schleppen, nach Feierabend aber so fertig sind, dass sie sich allein zu Hause mit Alkohol betäuben oder selbst verletzen, um mit ihren Gefühlen klarzukommen. Und am nächsten Tag erscheinen sie wieder im Büro, also sei nichts gewesen.

Das ist eine hochgradig gefährliche Situation, weil die Krankheit vom Umfeld völlig übersehen wird und die Betroffenen dadurch auch keine Hilfe bekommen. Denn sie „funktionieren“ ja.

Wut gegen sich selbst

Während „klassische“ Borderliner*innen dafür bekannt sind, streitsüchtig zu sein und ihre starken Emotionen in Form von Wut an anderen Menschen auszulassen, tun stille Borderliner*innen dies überhaupt nicht.

Viele stille Borderliner*innen sind sogar regelrecht konfliktscheu und würden sich schuldig und schlecht fühlen, wenn sie ihre Wut offen zum Ausdruck brächten.

Dennoch kennen auch sie diese Emotion bestens, sie wissen nur nicht, wie sie diese herauslassen können.

Deshalb neigen viele Betroffene dazu, entweder ihre Wut herunterzuschlucken und zu unterdrücken (was sich dann in anderen Symptomen, wie Depressionen äußern kann) oder sie an sich selbst auszulassen, indem sie sich zum Beispiel selbst durch riskantes Verhalten schädigen oder verletzen.

Offen zugeben würden sie das aber nicht. Stille Borderliner*innen verstecken ihre Narben und Verletzungen lieber und manchmal bekommt es nicht einmal das nahe Umfeld mit.

Hohe Empathie & People Pleasing

Borderliner*innen wird eine mangelnde Empathie nachgesagt, vor allem, wenn sie sich in der Entwertungsphase des „Splittings“ befinden oder wütend sind. Sie sagen dann oft Dinge, die andere zutiefst verletzen.

Stille Borderliner*innen hingegen sind oft sehr empathische Menschen. Sie möchten andere nicht beleidigen oder verletzen, weil sie sich gut in sie einfühlen können und genau wissen, wie schmerzhaft es ist, wenn man schlecht behandelt wird.

Viele stille Borderliner*innen neigen sogar zum extremen People Pleasing und tun alles für das Wohl anderer und vergessen sich selbst dabei. Hier spielt unter anderem aber auch die große Angst vor dem Verlassenwerden eine Rolle („Wenn ich mache, was die anderen wollen, haben sie keinen Grund, mich zu verlassen.“).

Panische Angst vor dem Verlassenwerden

Obwohl die Angst vor dem Verlassenwerden generell ein Diagnosekriterium für Borderline ist, haben stille Betroffene besonders damit zu kämpfen. Sie haben, aufgrund ihrer zurückhaltenden Natur, meist nicht viele soziale Kontakte und neigen deshalb dazu, sich an die wenigen wichtigen Menschen, zum Beispiel ihre Partner*innen oder andere Bezugspersonen, zu klammern.

Dabei kommt es häufig vor, dass sie jedes Wort und jede Handlung ihrer nahestehenden Menschen genaustens analysieren, um herauszufinden, ob es die kleinsten Anzeichen dafür gibt, dass die Person sie nicht mehr mag oder im Stich lassen möchte. Nicht selten kommt es dabei zu Fehleinschätzungen, die die Betroffenen fast in den Wahnsinn treiben.

Der Lieblingsmensch

Das Phänomen des „Lieblingsmenschen“ ist unter Borderliner*innen sehr bekannt und auch stille Betroffene haben häufig einen solchen Lieblingsmenschen.

Bei Menschen in Liebesbeziehungen sind das häufig die eigenen Partner*innen, bei Singles auch die besten Freund*innen oder nahe Verwandte, manchmal sogar Psychotherapeut*innen oder Betreuer*innen. Theoretisch kann jede*r zum Lieblingsmenschen auserkoren werden, der das Vertrauen der Betroffenen gewinnt (meistens beschränkt sich das aber auf eine Person.)

Diese Lieblingsmenschen werden häufig die Sonne, um die sich die Welt der stillen Borderliner*innen dreht. Wie wir das von frischer Verliebtheit kennen, warten die Betroffenen ständig auf ein Lebenszeichen ihres Lieblingsmenschen, wollen so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen und neigen zu (starker) Eifersucht.

Dieses Verhalten bleibt aber meist viel länger bestehen, als gewöhnliche Verliebtheit im Anfangsstadium und kann die ganze Beziehung über andauern, was nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Lieblingsmenschen belastend sein kann (sofern sie es mitbekommen).

Die Angst, von der Lieblingsperson verlassen zu werden, ist dabei so groß, dass sie sich allem fügen, was die Lieblingsperson von ihnen möchte oder wie sie mit ihnen umgeht, selbst wenn es sich dabei um Missbrauch handelt. Es kommt nicht selten vor, dass stille Borderliner*innen in toxischen Beziehungen verharren, obwohl sie furchtbar darunter leiden. Sie entwickeln dann eine Co-Abhängigkeit, die ihre psychischen Probleme natürlich noch verschlimmert.

„Splitting“ durch Rückzug

Auch stille Borderliner*innen können von extremem Schwarz-Weiß-Denken und dem sogenannten „Splitting“, also der abwechselnden Idealisierung und Entwertung anderer Menschen, betroffen sein.

Der große Unterschied zum „klassischem“ Borderline liegt aber darin, dass die Entwertung in der Regel nicht durch Angriffe, Beleidigungen oder „Ich hasse dich“-Ausrufe vonstattengeht, sondern die Betroffenen sich gänzlich aus den Beziehungen zurückziehen.

Das Gefühl, dass sie (deutlich) mehr in ihre Beziehungen und Freundschaften investieren, als sie zurückbekommen, ist vielen Betroffenen wohlbekannt.

Das kommt auch nicht von ungefähr, denn indem sie andere idealisieren, stecken sie natürlich eine Menge Energie in die Beziehung. Sie selbst hingegen werden in der Regel nicht entsprechend idealisiert, selbst wenn sie von ihren Partner*innen oder Freund*innen gemocht oder geliebt werden. Das mündet dann oft in einer Enttäuschung und sie brechen die Beziehung/Freundschaft ab, manchmal sogar bevor sie sich überhaupt richtig entwickeln konnte.

Für die betroffenen Partner*innen oder Freund*innen ist das natürlich eine schwierige Situation, weil sie dieses Verhalten nicht nachvollziehen können und niemand gerne „geghostet“ wird.

Probleme, über Gefühle zu sprechen

Stille Borderliner*innen haben häufig extreme Probleme, mit anderen über ihre Gefühle zu sprechen. Wie ich bereits oben erwähnt habe, wahren stille Borderliner*innen oft einen perfekten Schein, wirken nach außen hin gesund und glücklich, obwohl es in ihrem Inneren brodelt.

Stille Borderliner*innen haben schlechte, oft auch traumatisierende Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht und deshalb große Probleme, anderen zu vertrauen.

Das ist natürlich vor allem dann ein Problem, wenn niemand von der Krankheit erfährt oder die Betroffenen große Angst davor haben, sich Hilfe zu suchen.

Manche Betroffenen haben vielleicht auch schon Hilfe in Anspruch genommen, sind aber an Therapeut*innen oder Ärzt*innen geraten, die sie nicht verstanden oder sie mit unsensiblen Fragen oder Aussagen eher getriggert und verunsichert haben, als ihnen zu helfen (ja, auch Ärzt*innen und Therapeut*innen sind nicht perfekt).

Die Hürde, sich da erneut um Hilfe zu bemühen, ist für diese Menschen dann enorm hoch.

Isolation aus Angst vor Verlassenwerden

Als Kind wollte ich nie ein Haustier, weil ich wusste, dass Haustiere in der Regel nur ein paar Jahre leben und dann sterben. Und das hätte ich nicht ertragen.

Genau dieser Logik folgen auch viele stille Borderliner*innen. Weil sie genau wissen, dass sie panische Angst vor dem Verlassenwerden haben und dazu neigen, sich an Menschen emotional zu binden, vermeiden sie Kontakte generell, bis hin zur totalen Isolation.

Ganz nach dem Motto: Lieber leide ich unter Einsamkeit, als mich dem Schmerz und der Angst auszusetzen, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Da eine Borderline Persönlichkeitsstörung eine Erkrankung ist, die auch an die Angehörigen, Partner*innen und Freund*innen große Herausforderungen stellt, kommt es tatsächlich häufig vor, dass die Betroffenen früher oder später verlassen werden. Diese Erlebnisse können sie geradezu traumatisieren.

Die Angst ist also nicht völlig irrational, verhindert aber natürlich die Chance, wirklich stabile, glückliche Beziehungen und Freundschaften zu knüpfen, die für jeden von uns essenziell sind (ja, auch für Introvertierte und Hochsensible).

Im Übrigen, fällt es vielen Betroffenen deutlich leichter, online mit Menschen zu kommunizieren. Die räumliche Distanz und Möglichkeit zur Anonymität gibt ihnen ein Gefühl von Sicherheit und führt dazu, dass sie sich anderen besser öffnen können.

Negatives Selbstbild & Neigung zur Selbstzerstörung

Generell ist es für Borderliner*innen typisch, dass ihr Selbstbild häufig wechselt. Mal sind sie mit sich im Reinen und mögen sich, zeigen vielleicht sogar narzisstische Züge. Und dann finden sie sich plötzlich wieder ganz furchtbar und glauben, der schrecklichste Mensch der Welt zu sein.

Stille Borderliner*innen neigen zu einem eher negativen Selbstbild, auch wenn dieses schwanken kann. Schuld, Scham und Minderwertigkeitsgefühle sind ihnen bestens bekannt. Auch Selbsthass kann eine Rolle spielen, was die Betroffenen dann bis in die Selbstverletzung, Selbstschädigung oder sogar den (versuchten) Suizid treiben kann.

Du hast gerade den Drang, dir selbst etwas anzutun?

Bei Gedanken an Suizid, Selbstschädigung oder Selbstverletzendes Verhalten, wende dich bitte an eine ärztliche oder therapeutische Praxis.

Alternativ kannst du dich unter den Nummern 0800/1110111 oder 0800/1110222 von der Telefonseelsorge beraten lassen. Wenn du ein Kind oder Jugendlicher bist, erreichst du die Nummer gegen Kummer unter der 116111.

Beide Organisationen bieten auch eine Online-Hilfe an, wenn du nicht anrufen, sondern lieber schreiben möchtest. Und vor allem: Es ist anonym und kostenlos!

Gibt es stilles Borderline wirklich?

Stilles Borderline ist keine offizielle Diagnose, sondern es handelt sich dabei um einen der vier Subtypen von Borderline nach Theodore Millon, einem amerikanischen Psychologen und Experten auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen. Millon unterschied folgende Ausprägungen der Erkrankung:

  1. Stilles Borderline (Quiet Borderline, auch Discouraged Borderline)
  2. Impulsives Borderline (Impulsive Borderline)
  3. Launisches Borderline (Petulant Borderline)
  4. Selbstzerstörerisches Borderline (Self-Destructive Borderline)

Warum gibt es diese vier Typen?

Ganz einfach: Jeder Mensch ist verschieden, auch Borderliner*innen. Ein introvertierter Mensch hat höchstwahrscheinlich eine andere Ausprägung, als ein sehr extrovertierter Mensch.

Auch die Sensibilität spielt eine Rolle. Denn natürlich gibt es auch hochsensible Borderliner*innen. Hochsensibilität ist angeboren und daher schon vor der Persönlichkeitsstörung da. Genauso wie das eigene Temperament.

Wichtig ist hier auch noch anzumerken: Es ist völlig normal und sogar wahrscheinlich, dass eine Borderliner*in nicht zu 100 % einem der vier Typen entspricht, sondern zum Beispiel einen dominanten Typen hat, kombiniert mit Eigenschaften von anderen Typen.

Die vier Typen sind ein psychologisches Modell und Menschen lassen sich selten zu 100 % in solche Modelle einordnen. Wir sind alle facettenreich und vielfältig.

Ist stilles Borderline dasselbe wie eine komplexe PTBS?

Leider hält sich der Mythos, stilles Borderline sei dasselbe wie eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS) noch immer hartnäckig. Es gibt sogar einige Fachleute, also etwa Ärzt*innen oder Psychotherapeut*innen, die an dieser Behauptung festhalten.

Es ist aber NICHT dasselbe, auch wenn sich die Symptome teilweise überschneiden.

Stilles Borderline ist eine Form der Borderline Persönlichkeitsstörung, während eine komplexe PTBS eine komplett eigenständige Diagnose ist („6B41“ im ICD-11).

Wichtige Unterschiede sind zum Beispiel:

  • Einer komplexen PTBS muss immer ein, meist sogar mehrere Traumata vorangegangen sein. Bei Borderline ist das nicht zwingend notwendig.
  • Die Angst vor dem Verlassenwerden spielt bei einer komplexen PTBS in der Regel keine Rolle. Diese Menschen fürchten sich eher vor Nähe und Intimität.
  • Menschen mit einer komplexen PTBS leiden an sogenannten Intrusionen, also dem Wiedererleben von traumatischen Erfahrungen, etwa in Form von emotionalen Intrusionen, Flashbacks oder Albträumen. Für Borderline ist das ein weniger typisches Symptom.
  • Menschen mit einer komplexen PTBS neigen deutlich seltener zu impulsiven selbstschädigenden oder selbstverletzenden Handlungen.
  • Patient*innen mit einer komplexen PTBS haben meist zwar ein recht negatives Selbstbild, doch dieses ist ziemlich stabil und wechselt nicht ständig, wie bei Menschen mit Borderline.
  • Die Betroffenen beider Störungen haben große Probleme, anderen zu vertrauen. Dennoch unterscheiden sich die Beweggründe drastisch. Bei Borderliner*innen steckt häufig ihre Angst vor dem Verlassenwerden dahinter, während Menschen mit einer komplexen PTBS sich eher vor erneuter Verletzung oder Missbrauch fürchten.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass auch beide Erkrankungen parallel vorliegen können. Ob das der Fall ist, sollte eine qualifizierte Fachperson beurteilen.

OMG, ich erkenne mich wieder! Was jetzt?

Du hast das Gefühl, du könntest von einer (stillen) Borderline Persönlichkeitsstörung betroffen sein? Dann erst mal keine Panik!

Es ist gut, dass du jetzt einen Anhaltspunkt hast, was mit dir los sein könnte. Vermutlich hast du einen langen Leidensweg hinter dir, vielleicht wurden bei dir sogar andere Krankheiten diagnostiziert, die sich aber entweder als „unpassend“ herausgestellt haben oder nur einen Teil deiner Symptome betreffen (z. B. eine Depression oder Suchterkrankung).

Wichtig ist, dass du diese Erkenntnis erst mal sacken lässt. Mach den Computer aus oder leg das Handy beiseite. Geh raus, mach einen Spaziergang, spüle das Geschirr oder koch dir was zu essen. Und lass dir dabei das Gelesene noch einmal ruhig durch den Kopf gehen.

Vielleicht kannst du sogar eine Nacht darüber schlafen und dich morgen in Ruhe näher mit dem Thema beschäftigen.

Wenn es dich so sehr aufwühlt, dass du den Drang spürst, dir selbst zu schaden, nimm bitte Kontakt zu einer Bezugsperson auf oder kontaktiere deine hausärztliche, fachärztliche oder therapeutische Praxis.
Alternativ kannst du dich unter den Nummern 0800/1110111 oder 0800/1110222 von der Telefonseelsorge beraten lassen. Wenn du ein Kind oder Jugendlicher bist, erreichst du die Nummer gegen Kummer unter der 116111.
Beide Organisationen bieten auch eine Online-Hilfe an, wenn du nicht anrufen, sondern lieber schreiben möchtest. Und vor allem: Es ist anonym und kostenlos!

Sobald die erste Aufregung vorbei ist und du merkst, dass du dich noch immer von den hier geschilderten Symptomen angesprochen fühlst, rate ich dir dazu, mit jemandem darüber zu sprechen, dem du vertraust.

Keine Selbstdiagnosen!

Auch, wenn du dir zu 100 % sicher bist, dass du Borderline hast, lass das bitte von einer Fachperson abklären und gesichert diagnostizieren.

Es ist gut und hilfreich, wenn du dich zum Thema informierst, dir über deine eigenen Symptome Gedanken machst und sie der Fachperson mitteilst. Aber überlasse die Diagnose bitte Menschen, die dafür qualifiziert sind.

Wenn dein*e Psychiater*in oder Therapeut*in keine Borderline Persönlichkeitsstörung bei dir feststellen kann, du dir aber weiterhin sicher bist, dass eine bei dir vorliegt, steht es dir natürlich jederzeit frei, dir weitere Meinungen von anderen Fachpersonen einzuholen (manchmal ist das sogar nötig, vor allem, wenn es sich bei dir um stilles Borderline handelt und du damit für weniger gut informierte psychiatrische oder psychologische Fachkräfte „durchs Raster“ fällst).

Ist Borderline heilbar?

Früher galt die Borderline Persönlichkeitsstörung als unheilbar und leider ist diese Falschannahme bislang nicht ganz „ausradiert“, auch nicht in den Köpfen mancher Ärzt*innen und Therapeut*innen.

Die schlechte Nachricht zuerst: Dass deine Symptome komplett verschwinden, ist, nach Stand der heutigen Forschung, eher unwahrscheinlich.

ABER! Es ist mittlerweile behandelbar und die Symptome können gemildert werden. Manche Symptome verschwinden vielleicht komplett, von anderen bleibt ein Rest, aber du kannst lernen, damit besser umzugehen, sodass dein Leidensdruck abnimmt.

Manche Borderliner*innen schaffen es sogar, die Anzahl ihrer Symptome derart zu reduzieren, dass weniger als fünf der Diagnosekriterien auf sie zutreffen und die Diagnose Borderline somit nicht mehr gültig ist.

Was kann mir bei Borderline helfen?

Wenn man wegen psychischer Leiden eine ärztliche Praxis aufsucht, bekommt man in der Regel zwei Dinge empfohlen: Psychopharmaka, also Medikamente, und Psychotherapie.

Nicht immer sind das die perfekten Lösungen, denn wir sind alle individuell. Dennoch möchte ich an dieser Stelle ein paar Dinge auflisten, die dir helfen können, wenn du betroffen bist.

Psychopharmaka bei Borderline

Gegen eine Borderline Persönlichkeitsstörung gibt es bisher keine Medikamente.

Allerdings können dir Psychiater*innen (keine Psycholog*innen!) Medikamente zur Behandlung einzelner Symptome verschreiben, zum Beispiel Antidepressiva oder etwas zur Beruhigung bei Angst oder Schlafstörungen.

Bitte beachte aber, dass Psychopharmaka in der Regel starke Nebenwirkungen haben und deinem Körper sogar schaden können (ich spreche aus Erfahrung). Ich empfehle dir daher, nur dann diesen Weg zu wählen, wenn du die Medikamente wirklich dringend brauchst.

Hör da bitte in dich selbst rein und wäge genau ab. Besprich die Vor- und Nachteile einer medikamentösen Behandlung gerne mit einer Bezugsperson oder ärztlichen Fachkraft und informiere dich dazu.

Psychotherapie bei Borderline

Die am häufigsten angebotene Form der Psychotherapie ist in Deutschland wohl die kognitive Verhaltenstherapie. Diese kann auch bei Borderline helfen, sollte aber nicht deine erste Wahl sein.

Stattdessen möchte ich dir ans Herz legen, dich über die folgenden Therapieformen zu informieren, denn diese haben sich für Borderline-Patient*innen besonders bewährt und sind auf deren Symptome und Bedürfnisse zugeschnitten:

  • Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT)
  • Schematherapie
  • EMDR (wenn du an den Folgen von Traumata leidest)

Allerdings muss ich hinzufügen, dass wir in Deutschland unterversorgt sind, was diese Therapieangebote betrifft. Und für Kassenpatient*innen ist die Auswahl an geeigneten Therapeut*innen noch mal kleiner. Auch Menschen, die auf dem Land leben, könnten Probleme haben, einen Therapieplatz in diesem Bereich zu finden.

Informiere dich am besten darüber, ob es da Möglichkeiten für dich gibt. Auch der nächste Punkt könnte für dich interessant sein.

Online-Programme bei Borderline

Uh, allein der Gedanke, mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten über deine Gefühle zu sprechen, macht dir Angst? Oder du stehst seit Monaten auf einer Warteliste, aber es tut sich einfach nichts?

Wenn du in Deutschland wohnst, hast du auch die Möglichkeit, an einem Online-Programm teilzunehmen, das auf Borderline-Patient*innen spezialisiert ist. Es heißt PRIOVI und basiert auf der Schematherapie.

Du musst dort mit keinem echten Menschen sprechen und kannst das Programm am Computer, Tablet oder Smartphone nutzen – zu jeder Zeit und an jedem Ort.

Und das Beste daran: Die Kosten für das Programm übernimmt deine Krankenkasse.

Genauso funktioniert auch die App MySkills, die allerdings auf der Dialektisch-behavioralen Therapie (DBT) basiert. Auch sie wird von den Krankenkassen erstattet.

Last, but not least, möchte ich noch eine kostenlose App erwähnen, die zwar nicht so ausführlich ist, aber die dir helfen kann, mit deiner inneren Anspannung umzugehen: Borderline Balance. Du kannst darin zum Beispiel eine Liste an „Skills“ erstellen, die dich dabei unterstützen, selbstverletzendes oder selbstschädigendes Verhalten zu vermeiden. Schau’s dir gerne mal an.

Wichtig ist: Diese Programme ersetzen keine individuelle Psychotherapie! Aber sie sind ein erster Schritt, der dir helfen kann, bis du für eine Therapie bereit bist oder einen Therapieplatz findest.

Stationäre oder teilstationäre Behandlung

Vielleicht geht es dir im Moment so schlecht, dass du kaum noch deinen Alltag auf die Reihe bekommst. Möglicherweise verletzt du dich häufig selbst oder hast sogar Suizidgedanken oder -pläne.

In diesem Fall rate ich dir, dich an eine psychiatrische Klinik zu wenden.

Falls dir der Gedanke, den ganzen Tag an einem fremden Ort, mit fremden Menschen zu verbringen, Angst macht, ist vielleicht eine Tagesklinik die richtige Anlaufstelle für dich.

Dort gehst du morgens hin und kehrst am späten Nachmittag wieder nach Hause zurück, so als würdest du zur Arbeit gehen. Das kann sehr entlastend sein, insbesondere, wenn man nicht so gerne unter Menschen ist und zumindest abends/nachts seinen Rückzug braucht. Sehr introfreundlich also.

In einer psychiatrischen Klinik, egal ob auf Station oder in einer Tagesklinik, bekommst du in der Regel Medikamente (falls erforderlich) und profitierst von einem breiten Angebot an Therapiemöglichkeiten, zum Beispiel Gesprächstherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie, Ergotherapie, Bewegungstherapie oder auch sozialem Kompetenztraining.

Selbsthilfe bei Borderline

Ich weiß genau, wenn man eine psychische Erkrankung hat, will man sein Glück nicht allein in die Hände anderer Menschen legen, sondern auch selbst etwas tun. Das ist eine ausgezeichnete Einstellung, denn am Ende bist du für dein Leben selbst verantwortlich.

Hierzu zwei Tipps:

  1. Informiere dich ausführlich über deine Erkrankung. Nur so kannst du lernen, dich selbst besser zu verstehen und herausfinden, was dir helfen könnte. Unter diesem Artikel findest du Links zu weiterführenden Quellen, wo du noch mehr Infos zum Thema bekommst. Außerdem habe ich gleich noch einen Buchtipp für dich, falls du gerne liest (oder Hörbücher hörst).
  2. Finde Dinge, die dir guttun. Dinge, die du anwenden kannst, wenn es dir mal wieder richtig schlecht geht (das nennt man in der Psychotherapie auch „Skills“). Und nein, Selbstschädigung und Selbstverletzung meine ich nicht damit, auch wenn ich weiß, wie effektiv diese Methoden sein können. Hilfreiche Alternativen sind zum Beispiel Musik hören (aber bitte etwas, das dich tröstet und nicht noch verzweifelter macht), Journaling, gute Gespräche mit einer lieben Person (auch online oder per Brief), zu deiner Lieblingsmusik tanzen, einem positiven Tagtraum nachhängen, einen Powernap machen, spazieren gehen, etc. Manche Menschen schwören auch auf Meditation und Entspannungsübungen wie autogenes Training oder die Progressive Muskelentspannung (PMR) nach Jacobson, aber bitte sei damit vorsichtig, wenn du zu Dissoziationen neigst oder Traumata erlitten hast. In diesem Fall können diese Methoden auch triggernd wirken.

Buchtipp für Betroffene und Interessierte

Wenn du dich näher mit der Borderline Persönlichkeitsstörung auseinandersetzen möchtest, lege ich dir das Buch Ich hasse dich – verlass mich nicht“ * von Jerold J. Kreisman und Hal Straus ans Herz.

Dieses Buch zählt als das Standardwerk zum Thema und du erfährst dort alles, was du wissen musst. Von den Symptomen, über den Umgang damit, bis hin zu Behandlungsmethoden.

Allerdings wird stilles Borderline dort nicht explizit erläutert. Das Buch konzentriert sich auf die allgemeinen Aspekte der Erkrankung.

Es ist sehr informativ, jedoch etwas wertend geschrieben. Für sensible Betroffene könnte das Buch daher triggernd sein.

Und ja, es gibt davon auch ein Hörbuch. *

Butter bei die Fische: Warum schreibe ich darüber?

Wer mich kennt, weiß, dass ich praktisch nie über Themen schreibe, die nicht mich selbst oder meine nahen Angehörigen betreffen. So ist es auch in diesem Fall.

Okay, Zeit für ein Geständnis. *holt tief Luft*

Ich habe 2015 die Diagnose Borderline bekommen. Und glaub mir, das hat in meinem Kopf ein ziemliches Wirrwarr ausgelöst. Denn, genau wie meine Mitmenschen, hatte ich immer dieses Bild der „typischen“ Borderlinerin vor Augen:

  • laut
  • aggressiv
  • manipulativ
  • angriffslustig

Ich hingegen bin eher

  • still
  • konfliktscheu
  • sensibel
  • zurückhaltend

Klingt wie ein kompletter Widerspruch, oder?

Dennoch musste ich mir eingestehen, dass die meisten Diagnosekriterien mich genaustens beschreiben.

Die einzigen beiden, die NICHT zutreffen, sind eben die „berühmten“ heftigen Wutanfälle und das „Splitting“, also die abwechselnde Idealisierung und komplette Abwertung anderer. Das entspricht überhaupt nicht meiner Art.

Deshalb war ich jahrelang mit mir selbst im Zwiespalt und konnte die Diagnose nicht richtig akzeptieren. Hatten sich meine Ärzt*innen getäuscht? Oder war ich einfach eine „unnormale“ Borderlinerin?

Als ich im Sommer 2023 zufällig auf ein YouTube-Video über stilles Borderline stieß, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich bin nicht komisch oder unnormal und auch meine Diagnose ist nicht falsch. Ich bin einfach nur ein sensibler, introvertierter Mensch mit Borderline, dessen Symptome aufgrund dessen anders ausgeprägt sind. Und ich bin damit nicht allein!

Für mich war das ein Augenöffner und eigentlich wollte ich schon viel früher auf meinem Blog über dieses Thema schreiben.

Aber: Ich habe mich nicht getraut.

Ich hatte Angst, als „verrückt“ abgestempelt zu werden. Ich hatte Angst, in die „Borderliner*innen sind doch alle herzlose Monster“-Schublade gesteckt zu werden. Und: Mir wurde von „Expert*innen“ davon abgeraten, mich öffentlich zu meiner Krankheit zu bekennen, weil es meinem „Geschäft schaden“ könnte.

Warum habe ich mich dennoch dazu entschieden, offen darüber zu schreiben? Nun, vor allem aus diesen drei Gründen:

  1. Ich möchte mit diesem Artikel über das Thema Borderline aufklären und zeigen, dass eine Borderline-Diagnose nicht automatisch bedeutet, dass die Betroffenen schlechte Menschen sind. Im Gegenteil. Borderline kommt in vielen Facetten und Formen vor, abhängig von der generellen Persönlichkeit der betroffenen Person. Anstatt sie von vornherein als „böse“ abzustempeln, sollten wir ihr erst einmal zuhören und sie näher kennenlernen, bevor wir uns eine Meinung über sie bilden. Und ja, auch „typische“ Borderliner*innen sind nicht automatisch „Monster“. Auch sie haben ihre guten Seiten und verdienen es, mit Respekt und Liebe behandelt zu werden. Denn schließlich haben sie sich ihre Krankheit nicht ausgesucht. (Und nein, das soll jetzt nicht relativieren, dass manche Borderliner*innen wirklich schlimme Dinge tun. Aber man kann uns nicht alle über einen Kamm scheren.)
  2. Es gibt im Internet immer noch viel zu wenige hilfreiche Informationen auf Deutsch zum Thema „Stilles Borderline“. Das heißt, wenn Betroffene nicht gerade auf Englisch nach Borderline-Typen googeln, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie überhaupt nicht darauf stoßen. Was fatal sein kann.
  3. Mein Jahresmotto für 2024 ist „Mehr Mut!“ und dies ist der erste Artikel dieses Jahres. Und wie könnte ich mein Motto besser umsetzen als mit dieser Offenbarung?

Für mich ist dieser Blogpost ein großer Schritt. Ich weiß nicht, wie meine Lesenden darauf reagieren werden. Vielleicht hatten die Expert*innen recht und ich vermiese mir damit meinen guten Ruf. Aber, so abgedroschen der Satz auch klingen mag:

Ich möchte lieber für etwas abgelehnt werden, das ich bin, als für etwas geliebt, das ich nicht bin.

Na, was sagste jetzt?

Uff, das war jetzt harte Kost. Ich hoffe, der Artikel hat dir geholfen, dich selbst, eine*n Angehörige*n oder Borderline-Betroffene generell besser zu verstehen. Denn das war das Ziel des Ganzen.

Was geht dir jetzt durch den Kopf? Welche Gefühle kommen bei dir hoch? Schreib mir dein Feedback gerne in die Kommentare. (Wenn du respektvoll bleibst, antworte ich auch darauf.)

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8 Kommentare

  1. Liebe Mim,
    Danke!!!
    Ich danke dir von Herzen für deinen Mut zu diesem Artikel.
    Vor einigen Jahren habe ich ebenfalls die Diagnose Borderline bekommen und habe es nie wirklich verstanden, weil alles, was ich darüber gefunden hatte nicht so wirklich zu mir passen wollte bzw. nur manches und so habe ich für mich den Stempel „Fehldiagnose“ drangemacht. Nach diesem Artikel fühlt sich die Diagnose allerdings gar nicht mehr so falsch an und ich werde mich damit nochmal auseinandersetzen.

    Danke für deine wertvollen Texte, Tipps und vor allem dafür, dass du nicht müde wirst darauf hinzuweisen, dass wir alle unterschiedlich sind, denn es wird Zeit, dass diese Tatsache in mehr Köpfen ankommt.

    Ich schick dir eine warme Umarmung, wenn du sie magst, ansonsten darf sie einfach stehen bleiben, für jemand der sie braucht 🙂

    1. Liebe Andrea,

      ich danke DIR für deinen wunderbaren Kommentar. Der hat mir direkt den Morgen versüßt. 😊

      Wow, ich bin geflasht, dass du genau dasselbe Problem hattest – dann hat sich mein „Mutausbruch“ ja gelohnt. 😉

      Was mir bei meiner Recherche zum Thema Borderline enorm geholfen hat, waren die YouTube-Videos von Tom Harrendorf. Ich bin mir bewusst, dass er nicht jedermanns Sache ist, weil er auch unbequeme Themen anspricht und manchmal brutal ehrlich ist (und sich wohl auch schon mit „Expert*innen“ angelegt hat), aber ich mag ihn und verfolge seine Videos bis heute. Du kannst ihn dir ja mal anschauen, vielleicht ist sein Content ebenfalls hilfreich für dich.

      Oh ja, es ist so wichtig zu betonen, dass wir alle einzigartig sind und eben nicht nur Introvertierte, Hochsensible, Borderliner*innen oder was auch immer, sondern ein Gesamtpaket an ganz vielen unterschiedlichen Facetten. Das ist es, was uns zu der Persönlichkeit macht, die wir sind.

      Ich bedanke mich nochmals für deine lieben Worte, die mir wirklich unglaublich viel bedeuten. 💛

      Und die Umarmung nehme ich natürlich gerne an und schicke dir gleich mal eine zurück! 🤗 Quasi von Leidensgenossin zu Leidensgenossin. 😉

      Wir lesen uns!
      Alles Liebe,
      Mim ✌️

  2. Liebe Mim,

    Danke für Deinen erhellenden Artikel. Ich glaube, das ist eine Erkrankung, die beim Ottonormalverbraucher noch ziemlich unbekannt ist. Ich hatte zwar schon davon gehört, aber keine Symptome dazu im Kopf, außer die Selbstverletzung. Schön, dass Du zur Aufklärung beiträgst.

    LG Steffi

    1. Liebe Steffi,

      sehr gerne. Es freut mich, dass der Artikel dir dabei helfen konnte, das Krankheitsbild etwas näher kennenzulernen. 🙂

      Vielen Dank für dein liebes Feedback.

      Ganz liebe Grüße
      Mim

  3. Liebe Mim,
    ich war nach dem letzten NL noch nicht dazu gekommen, das hier zu lesen. Erst jetzt, wo Du es wieder erwähnst.
    Was mir allerdings gleich damals -und auch jetzt wieder! – durch den Kopf geht: Borderline ist das, was diese ganzen Fachleute der Psychozunft immer dann parat haben, wenn sie selbst nicht weiter wissen. Und leider ist das oft sehr schnell der Fall und dann biste abgestempelt und austherapiert. Und klar wirst Du Dich nun in diesen Kritertien wiederzuerkennen versuchen und klar klappt das dann auch.
    Ich kenne Dich nicht, aber manches will mir da doch nicht ganz einleuchten. Und ich habe nach wie vor den Rat für Dich, einer anderen Sache trotzdem noch einmal genauer nachzugehen – ich hatte Dir einen Link geschickt…und evtl. Dich auch in dem entspr. Forum anzumelden, einzulesen, Fragen zu stellen – es gibt da etliche User, die vorher erst mit Borderline diagnostiziert wurden, die es aber doch nicht sind. Sondern das, was die meisten Docs nicht wissen oder auch wissen wollen. – Wir schrieben bereits davon!
    Ehe Du vielleicht jetzt viel Energie und Zeit in Therapien steckst, die Dir am Ende nix bringen, weil sie am eigentlich unerkannten Problem vorbeigehn (das ist schon vielen so gegangen) – checke doch das andre auch erst nochmal gründlicher ab! Auch das hat oft Depression und anderes als Komorbidität.
    Ansonsten: wenn Borderline zutrifft, dann will ich es Dir nicht ausreden. Ist nur meine Erfahrung „der* zu schnell gestellten Fehldiagnose schlechthin.
    Liebe Grüsze
    Mascha

    Ein für mich ganz wichtiges Kriterium ist hier das mit der o.gen. Empathiie. Es kommt immer drauf an, *Was* für eine Art von Empathie. Die, die durch den Verstand geht – also wenn man weisz, wie man sich selbst fühlt in entspr. Situation (das können Asperger-Frauen auch sehr stark ausgeprägt haben) – und dann gibt es eben noch so eine generelle Empathie, die irgendwie rein über den Gefühlsweg geht (ich versteh es nicht ganz und hab mir früher immer eingebildet, die zu haben, was aber eben nicht wirklich so ist) – DAS ist m.E. nach ein ganz wichtiger Unterschied. Aber das sind eben so Feinheiten, die man evtl. in der Selbsteinschätzung kaum erkennen kann, eben weil man gar nicht so recht weisz, was das andre eigentlich ist und meint. Weil es einem fehlt. Aber man glaubt, es zu haben –
    Verstehste?

    1. Liebe Mascha,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Ich schätze es wirklich sehr, dass du diesen Punkt hier ansprichst, denn es ist eine gute Ergänzung für meinen Artikel.

      Dennoch kann ich dir versichern: Ich hätte diesen Artikel nicht veröffentlicht und damit aller Welt erzählt, dass ich Borderline habe, wenn ich mir nicht zu 100 % sicher wäre, dass die Diagnose stimmt. Glaub mir, ich habe mich ausführlich mit dem Thema beschäftigt und finde mich sowohl in Beschreibungen der Erkrankung, als auch in den Berichten von anderen Betroffenen absolut wieder. Mal ganz abgesehen davon, dass 7 der 9 Diagnosekriterien EINDEUTIG auf mich zutreffen. Da habe ich auch nicht lange überlegen oder etwas reininterpretieren müssen. Im Gegenteil, ich habe sogar lange versucht, mir auszureden, dass es so ist, weil ich nicht von Borderline betroffen sein WOLLTE. Eben, weil es so einen schlechten Ruf hat. Aber am Ende musste ich mir eingestehen: Die Diagnose ist korrekt. Und das war für mich ein langer und schwieriger Prozess.

      Ich würde auch keine Therapie in diesem Bereich machen wollen, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass diese genau an den Punkten ansetzt, wo ich Hilfe brauche. Und das sind genau die Dinge, die auch in den Borderline-Diagnosekriterien beschrieben werden (ich möchte hier nicht öffentlich auf Details eingehen, das verstehst du sicher. Jeder kann die Kriterien selbst nachlesen).

      Ja, ich habe mich ebenso ausführlich mit dem Thema Autismus beschäftigt und je länger ich mich damit beschäftigt und mit Betroffenen gesprochen habe, desto mehr habe ich begriffen, dass es auf mich definitiv NICHT zutrifft. Alle Dinge, die ich mit Autisten gemeinsam habe, sind auf meine Introversion, meine Hochsensibilität und die Folgen meiner Traumata zurückzuführen (letzteres ist übrigens auch die Ursache für meine Borderline-Erkrankung, neben genetischen Faktoren). Alle anderen typischen Merkmale von Autismus treffen auf mich nicht zu.

      Was die Empathie betrifft: Ja, ich verstehe sehr wohl, was du beschreibst. Aber ich kann dir versichern, dass ich Empathie fühle. Ich fühle, wie mein Gegenüber sich fühlt, selbst wenn er oder sie mir von einer Situation berichtet, in der ich selbst noch nie war. Es geht sogar so weit, dass ich an der bloßen Mimik und Gestik und an dem, was ich „zwischen den Zeilen“ heraushöre, leicht erkennen und dann auch fühlen kann, was mein Gegenüber WIRKLICH empfindet, selbst wenn er oder sie vorgibt, dass es ihm/ihr gutginge oder er/sie auf mich nicht böse sei (obwohl es so ist). Und ich glaube nicht, dass sich das mit Empathie durch den Verstand erklären lässt, oder? 😉

      Du kannst dir also sicher sein, was ich hier geschrieben habe, ist KEINE Fehldiagnose. Wenn ich auch nur den geringsten Zweifel daran hätte, hätte ich das hier nicht geschrieben. Denn eine Borderline-Diagnose ist nun wirklich nichts, womit man sich schmücken kann.

      Dennoch danke ich dir für diesen Kommentar. Vielleicht liest dies eine andere Person, die die Diagnose Borderline bekommen hat, in Wirklichkeit aber Autist*in ist und der dies weiterhilft. Das wäre natürlich eine wunderbare Sache.

      Ganz liebe Grüße
      Mim

  4. Wow, liebe Mim, so viel Mut und so viele Infos aufgrund von jahrerlanger Recherche und tiefer Auseinandersetzung. Ich kann gar nicht soweit denken, was und wieviel du damals mit dir alleine ausmachen musstest. Ich find das bewundernswert und danke dir für dieses Wissen, an dem ich jetzt teilhaben kann. Ich hab tatsächlich noch nie von stillem Borderline gehört. Ich muss das jetzt alles auch erstmal sacken lassen und darüber nachdenken.
    Noch etwas: Danke dir für die detailierten Informationen, weil ich hab ein bisschen die Befürchtung, dass der Wesenzug der HSPler ganz oft mit allem in Verbindung gebracht wird. Natürlich gibts auch Überlappungen, aber ich finde, du trägst viel zur Aufklärung bei, das es eben nicht alles dasselbe ist wie oft behauptet wird und jeder wirklich einzigartig ist.
    Ganz liebe Grüße 🙂

    1. Hallo liebe Katrin,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich habe mich riesig darüber gefreut und es tut mir so gut, was du schreibst. 🙂 Feedback wie deines ist mein Treibstoff, der mich weitermachen lässt, auch während schlechter Phasen.

      Oh ja, das ist mir ganz, ganz wichtig zu betonen, dass wir alle einzigartig und vielfältig sind. Kein HSPler gleicht dem anderen, genauso wie kein Nicht-HSPler dem anderen gleicht. Ich finde es immer ganz schlimm, wenn Leute in eine einzelne Schublade gesteckt werden. Schubladen an sich finde ich nicht so schlimm, im Gegenteil, sie können uns helfen, uns selbst besser zu verstehen, ABER wir passen eben nicht nur in EINE Schublade, sondern in ganz viele verschiedene. Denn unsere Persönlichkeit und unser ICH bestehen nicht nur aus einem einzelnen Wesenszug, sondern da spielt so viel mehr mit rein. Und das ist, was leider in vielen Köpfen noch nicht angekommen ist.

      Ich danke dir nochmals ganz herzlich für deine lieben Worte. 🙏

      Alles Liebe,
      Mim ✌️

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