5 Mythen über Introvertierte und Freundschaft

5 Mythen über Introvertierte und Freundschaft

Introvertierte und Freundschaft – das ist ein Thema, um das sich viele Mythen ranken. Introvertierte und Extrovertierte können keine Freunde sein. Die sind viel zu verschieden. Und Online-Freunde? Das sind keine richtigen Freundschaften. Überhaupt sind Introvertierte ja ziemlich asozial.

Kennst du diese Vorurteile? Ja, ich auch.

Genau deshalb wollte ich mal hinter diese Annahmen blicken und schauen, was wirklich dran ist. Denn wenn ich mich selbst betrachte, komme ich mir ganz und gar nicht asozial vor. Klar, ich bin kein Mensch, der sich ständig mit Leuten umringt und ins Getümmel stürzt. Aber auch ich habe sehr wertvolle Freundschaften, auf die ich nicht verzichten wollte.

Im folgenden Artikel setze ich mich mit fünf häufigen Mythen über Introvertierte und Freundschaft auseinander – inklusive Freundschaftstipps für Extrovertierte.

Du erfährst, warum meine meisten Freund*innen überall auf der Welt verstreut leben und warum Introvertierte keinesfalls schlechte Freunde sind.

Mythos #1: Introvertierte haben keine Freunde

Wenn ich meinen Freundeskreis betrachte, merke ich schnell: Er ist ziemlich überschaubar. Das heißt aber nicht, dass ich keinen Kontakt zu anderen Menschen habe.

Im Gegensatz zu unseren extrovertierten Mitmenschen unterscheiden wir strikt zwischen Freund*innen und Bekannten. Seit ich blogge, habe ich viele Bekanntschaften, vor allem online. Aber Freund*innen sind für mich nur die Leute, denen ich wirklich alles erzählen kann, denen ich blind vertraue und mit denen ich tiefgründige und spannende Gespräche führen kann, egal ob persönlich oder übers Internet.

Ein Großteil meiner befreundeten Menschen leben in Deutschland und der Welt verstreut. Ich habe sie übers Internet kennengelernt und wir schreiben uns regelmäßig lange E-Mails, Nachrichten oder Briefe. Und wenn ich lang sage, meine ich auch lang. Ich sitze mehrere Stunden an den Antworten, aber es gibt mir jedes Mal unglaublich viel neue Energie meinen Herzensmenschen zu schreiben.

Mit manchen zoome oder telefoniere ich auch. Und es gibt einen Freund, den ich mindestens einmal die Woche persönlich treffe.

Ich werde manchmal gefragt, ob ich nicht einsam sei, weil ich so viel Zeit alleine verbringe. Aber das bin ich auf keinen Fall. Ich bin sehr froh über die Freund*innen, die ich habe, egal ob sie hier in der Nähe wohnen oder weiter weg. Ich muss mich nicht ständig mit Leuten treffen, um glücklich zu sein.

Der Mythos, dass Introvertierte keine Freunde haben, ist also in vielen Fällen falsch. Allerdings führen wir unsere Freundschaften anders, als Extrovertierte das tun.

Mythos #2: Introvertierte und Extrovertierte können keine Freunde sein

Das ist Schwachsinn. Klar, es gibt einiges an Konfliktpotenzial in solchen Freundschaften, aber man kann lernen, damit umzugehen.

Wichtig ist, dass Extrovertierte verstehen, dass Intros ihre Ruhepausen brauchen und dass Introvertierte verstehen, dass Extros sich mehr (persönlichen) Kontakt wünschen, als wir das tun. Wenn die beiden Parteien es schaffen, Kompromisse zu finden, dann kann eine Freundschaft wunderbar funktionieren.

Hier noch ein paar Tipps für Extrovertierte, die mit einer introvertierten Person befreundet sind:

  • Akzeptiert es bitte, wenn wir eine Einladung ablehnen. Das heißt nicht, dass ihr uns nicht wichtig seid, sondern lediglich, dass wir erschöpft sind und Ruhe brauchen. In diesem Zustand würden wir bei einem Treffen ohnehin nicht gut funktionieren und ihr hättet nichts von unserer (körperlichen) Anwesenheit.
  • Ruft uns nicht spontan an, weil ihr Langeweile habt und quatschen wollt (außer, das wurde vereinbart). Wir mögen telefonieren nicht so. Ihr könnt uns aber eine Nachricht oder E-Mail schicken.
  • Wartet nicht darauf, dass wir uns zuerst melden. Wir werden das nicht tun, außer es gibt einen triftigen Grund dafür.
  • Erwartet nicht, dass wir uns sofort zurückmelden, wenn ihr uns schreibt. Wir brauchen Zeit, um über die Antwort nachzudenken und machen das nicht gerne zwischen Tür und Angel.
  • Das ist merkwürdig, aber wichtig: Auch wenn wir schon öfter eine Einladung abgelehnt haben, ladet uns trotzdem weiterhin ein. Nicht einen auf beleidigte Leberwurst machen. Es bedeutet uns viel, wenn wir die Möglichkeit haben, zu kommen, auch wenn wir uns dagegen entscheiden. Es sei denn, wir bitten euch darum, uns nicht mehr einzuladen.

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Mythos #3: Introvertierte wollen keine neuen Freunde finden

Das stimmt nicht. Ich bin IMMER offen für neue Kontakte. Aber ich muss zugeben, ich suche nicht gezielt danach. Mit wahren Freundschaften ist es wie mit der Liebe: Man sucht sie nicht, sondern findet sie.

Es muss „klick“ machen. Und wir Intros tun uns schwer damit. Es gibt nicht viele Personen, die mit uns auf einer Wellenlänge liegen. Vermutlich ist das der Grund, warum meine meisten Freund*innen eben nicht aus meiner näheren Umgebung kommen.

Das Internet macht es möglich, Menschen von überall auf der Welt kennenzulernen. Das erhöht die Chance, auf Gleichgesinnte zu treffen, natürlich enorm.

Aber wir schließen auch offline neue Freundschaften. Zum Beispiel in Vereinen oder Kursen, auf Reisen oder bei der Arbeit. Allerdings fällt es Introvertierten online leichter, Menschen anzusprechen und Kontakte aufzubauen.

Online können wir uns Gedanken machen, wie wir jemanden ansprechen. Im Alltag wird verlangt, dass wir spontan sind. Vor allem für schüchterne Introvertierte sind da die Hürden höher. Ihre soziale Angst hindert sie daran, Menschen anzusprechen oder sich in Gruppengesprächen zu beteiligen.

Letzteres fordert auch Introvertierte heraus, die nicht schüchtern sind. Durch unsere reflektierte, ruhige Art kommen wir in Gruppen nicht zu Wort oder werden überhört. Das frustriert uns und wir ziehen uns am Ende ganz aus dem Gespräch zurück. In Gruppen im Internet, wie Facebook-Gruppen oder Foren, ist das nicht der Fall. Deshalb sagen wir dort lieber unsere Meinung und beteiligen uns an Diskussionen.

Dass uns offline zurückhalten und eher darauf warten, dass die Leute auf uns zukommen, erweckt den Eindruck, dass wir uns nicht für andere Menschen interessieren. Das ist aber bei den Wenigsten der Fall.

Mythos #4: Introvertierte sind schlechte Freunde

Als ich in der Oberstufe war, hatte ich eine Freundin aus der Parallelklasse – nennen wir sie Jenny. Jenny und ich verbrachten meist die große Pause miteinander und trafen uns gelegentlich auch nach der Schule. Mir war aber auch wichtig, dass ich Zeit für mich alleine hatte und das wusste Jenny.

Die Woche war bei mir recht ausgeplant, deshalb war mir das Wochenende heilig. Da konnte ich mir Zeit für meine Hobbys nehmen und Geschichten schreiben, Musik machen oder mir tragische Liebesfilme angucken und mir dabei die Augen ausheulen.

An solch einem heiligen Samstagabend klingelte im Hause Gaisser das Telefon. Es war Jenny.

„Hallo Mim, können wir uns treffen?“

„Ähm, ich … hab eigentlich schon was anderes vor.“ Mein heiliger Samstagabend!!!

„Mein Freund hat mich verlassen.“ Jennys Stimme brach.

Mein heiliger Freitagabend war vergessen. „Um acht in der Pizzeria?“

Ich muss zugeben, manchmal war ich wirklich ein lausiger Freund. Jenny lud mich am Wochenende öfter ein, Zeit mit ihr und ein paar anderen Jugendlichen in einer Hütte im Wald zu verbringen. Aber ich sagte meistens ab.

Auch an jenem Abend hatte ich mich eigentlich auf meine Hobbys gefreut. Aber die Tatsache, dass Jenny von ihrem Freund verlassen worden war, änderte für mich alles. Jenny brauchte jemanden zum Reden. Und offensichtlich war ich die Person, die sie jetzt an ihrer Seite haben wollte. Da war mir auf einmal alles andere egal.

Wir sind da, wenn du uns brauchst

Du siehst: Wir Introvertierten sind nicht die geselligsten Menschen und ziehen uns lieber zurück, als uns ins Getümmel stürzen. Aber wenn ihr uns wirklich braucht, dann sind wir da. Und ich denke, das zeichnet uns auch aus.

Auch wenn wir es nicht immer zeigen können: Freundschaften sind uns teuer. In Notsituationen, wen alle anderen dich fallen lassen, sind wir zur Stelle. Denn das ist es, was eine wahre Freundschaft für uns ausmacht und sie von einer Bekanntschaft unterscheidet: Füreinander da zu sein, sich blind zu vertrauen und einander bedingungslos zu unterstützen.

Und mal ehrlich: Wer wünscht sich nicht solch einen Menschen an seiner Seite?

Mythos #5: Online-Freunde sind keine richtigen Freunde

Das Internet ist ein wahrer Segen für uns Intros. Es eröffnet uns viele Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen. Wir können Freundschaften führen, ohne die Leute ständig persönlich treffen zu müssen.

Das soll nicht heißen, dass wir grundsätzlich Menschen nicht treffen wollen oder sollten (sich zu isolieren, ist keine gute Idee). Aber solche Treffen sind anstrengend für uns und manchmal ist es einfach entspannter, den Abend lang mit jemandem zu chatten oder E-Mails auszutauschen, als sich tatsächlich gegenüberzusitzen.

Das hat etwas von „zu zweit alleine sein“. Jeder sitzt bei sich zu Hause, aber man ist trotzdem im Austausch. Und da entstehen mitunter wirklich spannende Konversationen, die eine Menge Energie spenden können. Vor allem dann, wenn unsere Energiereserven bereits am Limit sind.

Ich habe mir schon öfter anhören müssen, dass Online-Freunde keine richtigen Freunde seien. Dem stimme ich absolut nicht zu. Tatsächlich sind die Freundschaften, die ich online geknüpft habe, deutlich intensiver und von längerer Dauer, als die, die ich im Alltagsleben eingegangen bin.

Das liegt daran, dass ich online die Möglichkeit habe, Menschen kennenzulernen, die wirklich so ticken wie ich, und zwar völlig unabhängig davon, wo sie leben. Die Chance, auf Gleichgesinnte zu stoßen, ist im Internet natürlich viel, viel größer, als im Alltag.

Online-Freunde oder einfach Freunde?

Für mich sind meine Freundschaften, die ich online geknüpft habe, auch keine Online-Freundschaften, sondern einfach nur Freundschaften. Es stecken ja ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut dahinter und nicht irgendwelche Bots.

Selbst meinen besten Freund, den ich regelmäßig offline treffe, habe ich im Internet kennengelernt. Er hat damals noch 200 km entfernt gelebt. Ohne das Internet wären wir uns niemals über den Weg gelaufen.

Ich denke, es kommt auf eine gesunde Mischung aus Offline- und Online-Kontakten an – und schlussendlich auch auf das, was uns glücklich macht.

Fun Fact am Rande: Bevor wir Internet hatten, war meine Brieffreundin meine beste Freundin. Sie war damals 10 und ich 11. Wir schreiben uns heute – 22 Jahre später – noch gelegentlich, wenn auch leider nicht mehr per Brief. Dank des Internets ist die Verbindung zueinander bestehen geblieben.

Zu meinen anderen Freund*innen von damals, die ich in der Schule oder Nachbarschaft kennengelernt habe, ist der Kontakt bereits vor Jahren abgebrochen und war auch nie so innig wie zu meiner Brieffreundin.

Schlussgedanken

Natürlich spiegelt das nur meine persönliche Ansicht wider. Deshalb interessiert es mich umso mehr, was du dazu zu sagen hast.

Ganz besonders interessiert mich:

  • Hast du als Intro mit extrovertierten Freund*innen eher gute oder schlechte Erfahrungen gemacht?
  • Sind Online-Freundschaften „richtige“ Freundschaften für dich?
  • Und unterscheidest du auch zwischen Freundschaften und Bekannten?

Teile gerne deine Gedanken mit mir in den Kommentaren.

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