Sind Introvertierte einsam?

Links steht: "Sind Introvertierte einsam?" Rechts daneben die Zeichnung eines traurig schauenden Mädchens

CN Einsamkeit, Depression

Schon merkwürdig, diese Introvertierten. Ständig hocken sie allein herum und ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück. Sind die nicht total einsam und unglücklich? Man muss doch unter Leute gehen und sich mit anderen austauschen. Nur so ist das Leben lebenswert, oder?

Extrovertierte verstehen oft nicht, warum wir Intros uns so gerne abkapseln. In meinem heutigen Artikel erkläre ich, wie das so ist mit Introvertierten und der Einsamkeit.

Ich gehe darauf ein

  • welche Arten der Einsamkeit es gibt
  • warum wir so gerne allein sind
  • unter welchen Umständen auch wir uns einsam fühlen können

Ich freue mich übrigens sehr, wenn du mir in den Kommentaren unten drunter Feedback dalässt (oder du schreibst mir einfach eine Nachricht). Nur so weiß ich, ob meine Artikel hilfreich für dich sind und das unterstützt mich natürlich ungemein.

Loneliness vs. Solitude

Die englische Sprache kennt zwei verschiedene Begriffe für das Wort „Einsamkeit“: „loneliness“ und „solitude„.

Was ist „loneliness“?

„Loneliness“ beschreibt das Gefühl, das wir meist unter Einsamkeit verstehen: Man sehnt sich nach Gesellschaft und ist traurig – in ganz schlimmen Fällen sogar depressiv. Menschen, die diese Art der Einsamkeit erfahren, würden gerne etwas an ihrem Zustand ändern. Ja, manchmal sind sie direkt neidisch auf andere, die z. B. einen großen Freundeskreis oder eine Familie haben. Das ist nur verständlich, denn sie wünschen sich so sehr Kontakt zu anderen.

„Loneliness“ kann sogar krank machen.

Vor allem unter verwitweten, alten Menschen und Singles taucht diese Form der Einsamkeit auf. Muss aber natürlich nicht sein. Es gibt auch alleinstehende Menschen, die glücklich sind und sich nicht einsam fühlen. Genauso wie es Leute gibt, die nach außen hin in einer intakten Familie leben und trotzdem einsam sind.

Was ist „solitude“?

Dann gibt es den Begriff „solitude“, der im Deutschen ebenfalls mit „Einsamkeit“ übersetzt werden kann, allerdings auch mit „Abgeschiedenheit“ oder „Alleinsein“. Und dieser Zustand ist etwas Positives.

Stell dir vor, du bist völlig gestresst von deiner Arbeit und brauchst dringend eine Auszeit. Du fährst über das Wochenende ganz alleine weg, mietest dir ein Haus am See und verbringst dort ein paar ruhige Tage in völliger Abgeschiedenheit. Du genießt es, ganz für dich zu sein, Zeit zum Nachdenken zu haben und keinen Reizen von außen ausgesetzt zu sein – das ist „solitude“.

Solitude = Energie

Introvertierte schätzen diese Art der Einsamkeit. Sie ermöglicht uns, neue Kräfte zu tanken und uns zu entspannen. Extrovertierte können das oft nicht nachvollziehen, denn sie bekommen neue Energie, wenn sei sich ins Getümmel stürzen. Bei uns Intros ist es genau andersherum, getreu dem Motto: In der Ruhe liegt die Kraft.

Oft weckt dieses Alleinsein in uns den Wunsch, uns kreativ zu betätigen – etwas, das uns zusätzlich neue Energie schenkt. Introvertierte können dabei völlig in dem, was wir tun, versinken. Wir mögen es gar nicht, in diesen Situationen gestört zu werden (einer von vielen Gründen, warum wir klingelnde Telefone hassen), weil es uns aus dem „Flow“ reißt.

Introvertierte sind in guter Gesellschaft: ihrer eigenen!

„Wenn du dich einsam fühlst, wenn du allein bist, befindest du dich in schlechter Gesellschaft.“

Jean-Paul Sartre (1905 – 1980), französischer Philosoph

Ich liebe dieses Zitat, denn es steckt so viel Wahres darin.

Besonders Introvertierte, die ein gutes Verhältnis zu sich selbst haben, fühlen sich so gut wie nie einsam. Denn: Wir haben ja immer noch uns selbst.

Mal ehrlich, es gibt so viel Tolles, was man allein tun kann. Blogartikel schreiben, zum Beispiel. Oder sich Geschichten ausdenken, Bilder malen oder zeichnen, Handarbeiten verrichten, basteln, lesen, Content für Social Media gestalten … oder auch einfach Videospiele spielen. Es gibt unzählige Möglichkeiten. Da bleibt oft gar keine Zeit, um sich einsam zu fühlen.

So geht es zumindest mir. Ich habe immer etwas zu tun. Langeweile habe ich nie, wenn ich allein bin. Unter Menschen manchmal schon …


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Sind Introvertierte also nie „lonely“?

So pauschal kann man das natürlich nicht sagen.

Auch Introvertierte sind nicht alle gleich und brauchen unterschiedlich lange Zeiträume für sich allein. Intros, die nur ein, zwei Stunden Abgeschiedenheit pro Tag benötigen, um ihre Batterien aufzuladen, fühlen sich möglicherweise auf negative Weise einsam, wenn sie gezwungen sind, deutlich länger ohne Kontakt zu anderen Menschen zu sein.

Ich kenne einen Introvertierten, der nach Feierabend ein bisschen Abstand von Menschen braucht. Aber als seine Freundin sich von ihm trennte und er gezwungen war, den gesamten Feierabend allein zu verbringen, fühlte er sich sehr einsam und unglücklich.

Auch hängt es mit dem allgemeinen Gefühlszustand zusammen. Ist eine introvertierte Person momentan besorgt oder traurig über etwas, ist es möglich, dass sie sich mehr Gesellschaft wünscht, als das normalerweise der Fall wäre. Es kann aber auch andersherum sein, dass sie gerade dann besonders viel Zeit für sich braucht. Was von beidem der Fall ist, findet man am besten heraus, indem man die Person einfach fragt.

Einsam in der Menge

Und es gibt noch eine Situation, in der sich Introvertierte einsam fühlen können: unter vielen Menschen. Das klingt völlig paradox, ist aber eine Tatsache.

Als ich ein Teenager war, besuchte ich eine mehrtägige Großveranstaltung auf dem Messegelände von Düsseldorf. Ich war noch nie zuvor in Düsseldorf gewesen und es waren sehr, sehr viele junge Menschen anwesend, aus allen Ecken der Welt. Ich selbst war mit einer Jugendgruppe angereist, hatte aber keinen wirklichen Kontakt zu den anderen.

Ich saß also da, inmitten von zehntausenden Leuten und fühlte mich furchtbar einsam. Es wurde so schlimm, dass ich eine Art Panikattacke bekam und auf die Krankenstation musste. Als ich der Ärztin dort erklärte, dass ich mich einsam fühlte, schaute die mich wie ein Auto an und fragte: „Wie kann man bei so einer Veranstaltung einsam sein? Hier sind doch so viele Leute!“ Mich verunsicherte das damals sehr und ich dachte, mit mir sei etwas nicht in Ordnung.

Alles gut, wir sind nur anders

Heute weiß ich: dieses Gefühl der Einsamkeit inmitten einer Menschenmenge kennen viele Introvertierte.

Ich kann mir vorstellen, dass das daran liegt, dass wir tiefgründige Verbindungen suchen und lange brauchen, um Vertrauen aufzubauen. Flüchtige Bekanntschaften und „einfach mal Leute anquatschen“ ist nicht unser Ding. Deshalb fällt es uns in solch einer Situation auch furchtbar schwer, uns wohlzufühlen.

Ich hatte bei dem Event damals das große Glück, dass es in meiner Jugendgruppe ein Mädchen gab, das sich ebenfalls einsam fühlte. Wir haben uns dann zusammengetan und zu zweit die Veranstaltung überstanden.

Schlussgedanken

Fassen wir also noch mal zusammen:

Introvertierte lieben die Abgeschiedenheit im Sinne von „solitude“ und brauchen das auch, um ihre Energiereserven aufzuladen.

Häufig haben wir ein gutes Verhältnis zu uns selbst und befinden uns deshalb auch allein in „guter Gesellschaft“.

Allerdings können auch wir uns unter ungünstigen Voraussetzungen einsam fühlen, zum Beispiel

  • wenn wir unfreiwillig länger allein sind, als wir möchten
  • wenn wir uns generell schlecht fühlen und deshalb mehr Kontakt zu anderen brauchen
  • wenn wir „allein“ unter Leuten sind

Was sind deine Erfahrungen mit Einsamkeit? Fühlst du dich manchmal einsam, wenn ja, in welchen Situationen? Oder kennst du das gar nicht und genießt es einfach nur, viel allein zu sein? Schreib’s mir in die Kommentare oder schick mir eine Nachricht. Ich freue mich sehr auf dein Feedback und antworte auch hundertpro darauf.

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5 Kommentare

  1. Was sind deine Erfahrungen mit Einsamkeit? Fühlst du dich manchmal einsam, wenn ja, in welchen Situationen? Oder kennst du das gar nicht und genießt es einfach nur, viel allein zu sein?

    Schreib mir deine Gedanken gerne hier in die Kommentare. Ich freu mich sehr auf dein Feedback!

    Alles Liebe,
    Mim

  2. Hallo Mim,
    Ich mag diesen Beitrag sehr. Er gibt einen guten Einblick in die Welt von Introvertierten und, wie sie Sachen empfinden. Ich finde das oft gar nicht so einfach zu beschreiben.
    Ich liebe diese Momente, wenn ich allein mein Ding mache und in so einen richtigen Flow komme. Ich fühle mich gut, voller Energie und bin gleichzeitig total fokussiert. Das ist ein schönes Gefühl, dass ich so nur erlebe, wenn ich allein arbeite.
    In einer guten Gruppe kann es auch Spaß machen aber das gibt mir etwas anderes als diesen, ich nenne es mal „fröhlichen Fokus“. In der Schule haben viele nie verstanden, wieso ich eine Aufgabe lieber allein bearbeiten will statt in der Gruppe. Aber ich komme allein einfach viel besser voran und eine schlechte Gruppe mit der man auch noch etwas bearbeiten soll, ist das anstrengendste, was es gibt!

    1. Hallo Melanie,

      vielen Dank für dein positives Feedback. Ich habe mich riesig darüber gefreut.

      Oh ja, da bin ich ganz bei dir. Gruppenarbeit in der Schule mochte ich gar nicht. Ich konnte allein einfach viel konzentrierter Aufgaben lösen und oft hatte ich in der Gruppe das Gefühl, überhaupt nicht vorwärtszukommen. Auch diesen Flow, den du beschreibst, kenne ich nur vom Arbeiten allein. Da haben wir wohl einiges gemeinsam. 🙂

      Ganz liebe Grüße
      Mim

  3. Liebe Mim
    I feel you! Vielen Dank für das klare „Aufdröseln“ der vielen Facetten unseres Seins. Besonders das „Alleinsein in der Menge“ ist für mich herausgestochen. Das kenne ich gut. Man kommt sich so lange komisch vor – und noch einsamer! – bis man versteht, dass man so tickt. Obwohl mir schon lange klar ist, dass ich introvertiert bin, habe ich dieses Lonelyness-Gefühl bisher nicht bewusst unter Intraversion abgebucht.

    1. Hallo liebe Chris,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass mein Blogbeitrag dir ein bisschen mehr Klarheit über dieses Gefühl der Einsamkeit geben konnte. Ganz genau, ich kam mir in solchen Situationen auch immer komisch vor und irgendwo auch total verloren. Aber mittlerweile habe ich verstanden, dass das nicht nur mir so geht. 🙂

      Herzliche Grüße
      Mim

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