Von Caroline Höchtl
Vielleicht kommt dir das bekannt vor: Du willst jemanden kennenlernen, aber das Online-Dating fühlt sich mehr nach Energieverlust als zielführend an. Nachrichtenflut, langweiliger Smalltalk und Selbstzweifel …
Online-Dating-Apps können für introvertierte Frauen eine echte Herausforderung sein. Vor allem ohne Strategie und klare Vorgehensweise für bestimmte Situationen.
Gleichzeitig bietet Online-Dating aber auch große Chancen – gerade für ruhigere, zurückgezogenere Frauen. Welche das sind, erfährst du hier – und auch, wie du die Herausforderungen meisterst und den richtigen Mann für dich finden kannst.
Was sind die Herausforderungen und Gefahren für introvertierte Frauen auf Dating-Apps?
Die Angst, langweilig zu sein
Viele Introvertierte haben Angst, langweilig zu wirken, und halten sich selbst für nicht interessant genug. Weil sie, gerade am Anfang, weniger reden, eher still sind und nicht das Gespräch führen oder für Stimmung sorgen.
In einer Welt, in der oft die Devise gilt, immer lauter zu schreien und sich in den Vordergrund zu drängen, um Beachtung zu finden, ist das kein Wunder. Wir sind keine „Entertainer“ im Gespräch wie Extrovertierte – und das ist gut so!
Aber sogar die Aufforderung „Erzähl mal was über dich“, die im Online-Dating oft gemacht wird, kann diesen Eindruck verstärken. Ich mag diese Frage sowieso nicht, weil sie für mich einfach signalisiert, dass sich der Fragende keine Mühe gibt. Ich spiele den Ball dann gerne zurück und frage: „Was willst du denn wissen?“
Smalltalk als Energiefresser
Auf Dating-Apps führt man gerade zu Anfang oft die immer gleichen oberflächlichen Gespräche über Berufliches, Hobbys, Interessen usw. Das kann nerven und als Energieverschwendung empfunden werden, wenn wir uns Tiefgang und sinnvolle Gespräche wünschen.
Oft schrecken introvertierte Frauen davor zurück, in Gesprächen von sich aus mehr in die Tiefe zu gehen. Aus Angst, nicht verstanden und abgelehnt zu werden oder „zu viel“ und zu anstrengend für einen Mann zu sein.
Gleichzeitig fühlen sie sich verpflichtet, jede Nachricht zu beantworten, egal wie wenig Substanz sie hat (billige „Hi, wie geht’s?“-Nachrichten). Aus Sorge, sonst den richtigen Mann zu verpassen.
Wenn du dich durch Nachrichten kämpfst, die dich gar nicht interessieren, kostet das viel Energie. Vor allem, wenn du dir nicht zugestehst, Grenzen zu setzen, oder nicht weißt, wie du das Gespräch sinnvoll lenkst.
Da kommt schnell das Gefühl auf: „Ich kann nicht mehr. Es ist zu viel.“ Sowie Zweifel: „Bin ich überhaupt dafür gemacht?“ – Bis hin zu Frust: „Ich will jemanden kennenlernen, aber das hier fühlt sich falsch an.“ Wodurch man eigentlich schon wieder aufgeben will.
Auch persönliche Treffen können dadurch oft mit innerer Anspannung verbunden sein – selbst dann, wenn eigentlich Interesse da ist. Weil du nicht bei dir bist, sondern versuchst, Bedürfnisse des anderen zu erfüllen.
Selbstwert: Introvertierte denken oft, sie sind nicht ok
Weil unsere Gesellschaft Introversion weniger schätzt als Extraversion, denken viele Introvertierte oft, mit ihnen sei grundsätzlich etwas falsch. Sie denken, um wertvoll zu sein, geliebt und akzeptiert zu werden, müssten sie mehr aus sich herausgehen und extrovertierter sein.
Wenn es dann mit der Partnersuche nicht so klappt, wie sie es sich wünschen, suchen sie nach einer Erklärung dafür. Ich arbeite viel mit introvertierten Frauen und stoße dabei immer wieder auf denselben Glaubenssatz:
Dass sie noch keinen Partner gefunden haben, erklären sie sich damit, dass sie zu still, zu zurückhaltend und zu introvertiert sind. Und dass das keiner will.
Es klingt wie eine plausible Erklärung, genau das wird uns gesellschaftlich ja so oft gespiegelt. Und weil wir sowieso schon oft denken, unsere ruhige Art sei nicht ok, liegt die Vermutung nahe, dass das auch der Grund ist, warum wir noch keinen Partner gefunden haben. Viele von uns haben Sätze von früher verinnerlicht, als uns gesagt wurde, wir sollten doch mal mehr aus uns herausgehen und wir wären zu schüchtern.
Aber das ist nicht der Grund, warum eine Frau keinen Partner hat. Damit versuchst du, das falsche Problem zu lösen. Weil es nie an Introversion liegt, wenn du den Richtigen bis jetzt noch nicht gefunden hast.
Das ist nur eine Geschichte, die wir uns erzählen und die nicht wahr ist, wie du weiter unten noch erfahren wirst. Dieser Glaube zerstört aber unseren Selbstwert, weil wir uns nicht so annehmen und zeigen, wie wir sind.
Warnzeichen und Red Flags übersehen
Wenn der Wunsch nach einem Partner sehr groß ist, Frauen aber nicht wissen, worauf sie beim Online-Dating achten und filtern sollen, geraten sie leicht an die falschen Männer.
Wenn die Angst vor dem Alleinsein zu stark wird, geraten Frauen häufig an Männer, die keine Beziehung wollen, nur Spaß suchen oder einfach nicht beziehungsfähig sind. Dadurch vergeuden sie Zeit mit den Falschen und machen sich Hoffnungen, obwohl die Anzeichen da sind, dass es mit ihm nichts werden kann.
Aus Angst, den Richtigen zu verpassen, filtern sie falsch oder gar nicht. Aber du brauchst nicht irgendeinen Mann, sondern den, der wirklich zu dir passt. Und dabei darfst und sollst du auch die Falschen ablehnen.
Aber darunter liegt oft ein tieferes Problem: Wenn Frauen tief im Inneren nicht davon überzeugt sind, dass sie richtig und wertvoll sind, wie sie sind, fällt es ihnen schwer, klare Grenzen zu setzen. Sie tun sich dann schwer, für sich selbst einzustehen, und zweifeln an sich.
Fehlt gleichzeitig eine klare, strategische Vorgehensweise fürs Dating, verstärkt das die Unsicherheit und Selbstzweifel nur noch zusätzlich. Ich halte eine solche klare Vorgehensweise für sehr wichtig, weil sie Orientierung und Sicherheit gibt.
Tipps für introvertierte Frauen im Online-Dating
Gut filtern
Ich habe es ja bereits gesagt: Es ist wichtig – und für introvertierte Frauen noch viel mehr – auf den Apps auszufiltern. Unter anderem, um deine Energie zu schützen. Viele, viele Männer werden die falschen sein. Lass sie gehen, ohne dich zu ärgern oder an dir selbst zu zweifeln. Das ist völlig normal und gehört dazu.
Lenke möglichst schnell nach ein paar Nachrichten zu einem kurzen Telefonat über, und lass im Telefonat fallen, dass du dir ein persönliches Treffen wünschst. Wer da nicht mitgeht, ist es nicht wert, dass du weiter Energie hineinsteckst.
Das hält die Nachrichtenflut gering und schützt deine Energie. Gleichzeitig gehst du damit effizient vor: Du siebst damit gleich aus, wer nur eine Brieffreundschaft sucht oder sich nicht traut, anzurufen und sich zu treffen. Die waren sowieso nicht die richtigen.
Sag Nein und setze Grenzen, wo sie angemessen sind
Hab keine Angst, schwierig zu sein, wenn du Grenzen setzt. Grenzen zu setzen ist beim Online-Dating aus mehreren Gründen extrem wichtig:
- Es zeigt dir, ob jemand deine Grenzen respektiert. Wer das nicht tut, passt nicht zu dir.
- Sie geben dir Sicherheit, weil du dich auf dich selbst verlassen kannst – du weißt, dass du „Nein“ sagen kannst, wenn dir etwas zu viel wird oder nicht guttut.
- Sie verhindern, dass man „untergeht“, weil man sich mehr nach den Bedürfnissen anderer richtet als nach dem, was einem selbst guttut.
Wenn ein Mann dagegen anredet, dich unter Druck setzt oder sagt, du sollst dich nicht so anstellen, dann ist das eine Red Flag.
Verbieg dich nicht
Wähle Wege und Settings, die zu dir passen, um jemanden kennenzulernen. Wenn ein Mann dich auf eine laute Party einlädt und das nichts für dich ist, dann sag das. Du musst dich nicht in Situationen zwingen, in denen du dich nicht wohlfühlst, nur um jemanden kennenzulernen.
Dasselbe gilt für spontane Zufalls- oder Gruppentreffen. Beispielsweise, wenn er dich einlädt, „vorbeizukommen“, wenn er sich mit Freunden trifft. – Sag nein. Verlange volle Aufmerksamkeit und 1:1-Kontakt. Das ist das Mindeste, was jemand bereit sein muss zu investieren, wenn er eine ernsthafte Beziehung sucht.
Mach dir immer wieder bewusst, dass es dir nichts bringt, dich zu verstellen oder etwas zu tolerieren, das dir eigentlich nicht guttut. Wenn du dich für jemanden verstellen musst, passt er nicht zu dir. Und nur wenn du du selbst bist, kannst du den Partner anziehen, der auch wirklich zu dir passt.
Bremse und beobachte
Nimm dir beim Dating Zeit, mach langsam und beobachte dabei. So verhinderst du, dass du dich zu schnell emotional an jemanden bindest, den du noch gar nicht richtig kennst oder der nicht gut für dich ist.
Wenn es dir zu schnell geht oder zu intensiv wird, hab keine Angst, das Tempo etwas zu verlangsamen. Es ist absolut in Ordnung zu sagen: „Ich würde es gerne etwas langsamer angehen lassen.“
Das kann sogar von Vorteil sein, weil es Spannung aufbaut und dir gleichzeitig zeigt, wie er auf eine gesetzte Grenze reagiert. Wechsle immer wieder in die Beobachterrolle und prüfe, ob er dir ein gutes Gefühl gibt.
Warum Online-Dating auch von Vorteil sein kann für Introvertierte
Aus diesen Gründen kann deine Introversion tatsächlich auch ein Vorteil im Online-Dating sein:
Volle Aufmerksamkeit – keine Gruppentreffen
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich in einer Gruppe lauthals hervortun und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Diesbezüglich ist Online-Dating im Vergleich zum „organischen“ Kennenlernen super:
Man muss sich die ungeteilte Aufmerksamkeit nicht erst erkämpfen. Ein Date ist immer ein 1:1-Treffen und auch nur zu einem Zweck: herauszufinden, ob man als Paar zueinander passt. Damit ist alles von Anfang an klar und es besteht kein Grund, zu kämpfen, um Aufmerksamkeit zu bekommen – das hat ja schon die App für einen erledigt.
Vor dem Online-Dating waren die Möglichkeiten, jemanden zu treffen, oft auf Feiern und größere Veranstaltungen beschränkt. Aber da geht man als Introvertierte meist in der Menge unter.
Vor lauter Drumherum können Männer die eigene Persönlichkeit und Ausstrahlung gar nicht richtig spüren. Tiefe, Warmherzigkeit und weitere Qualitäten kommen in einem ruhigeren Setting viel besser rüber.
Introvertierte Frauen sind oft mehr in der weiblichen Rolle
Ich arbeite im Coaching viel mit der männlichen und weiblichen Rolle in Beziehungen. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass introvertierte Frauen oft leichter in der weiblichen Rolle sind, gerade weil sie ruhiger sind.
Wenn man erst mal den Glaubenssatz losgelassen hat, im Dating von sich überzeugen oder sich besonders hervortun zu müssen, fällt es leichter, in der weiblichen Rolle zu sein. Wenn eine Frau in dieser Rolle ist, ist sie für Männer automatisch anziehender, weil Polarität Anziehung bewirkt.
In der weiblichen Rolle bist du, wenn du ihm die Gesprächsführung überlässt, aufmerksam zuhörst, dich zurücklehnst und wirklich präsent bist. Jeder erzählt gerne von sich selbst, auch Männer bei einem Date. Und Introvertierte können ihrem Gesprächspartner das Gefühl von Sicherheit geben – auch eine feminine Qualität.
Introvertierte müssen auf ihre (Kapazitäts-)Grenzen achten
Wir haben nicht die endlose, extrovertierte Energie – und das ist auch gut so. Denn um auf unsere Energiekapazitäten zu achten, müssen wir filtern und Grenzen setzen. Dadurch verschwenden wir auch weniger Zeit mit den falschen Männern, weil wir früher selektiv sein müssen.
Ein Beispiel: Wenn ein Mann erwartet, dass du immer sofort antwortest und ständig verfügbar bist, zeigt das, dass er auf ungesunde Weise bedürftig oder unsicher ist.
Gehst du darauf nicht ein, stellt sich schnell heraus, ob er bereit ist, sich weiterzuentwickeln. Indem er seine Ängste überwindet und akzeptiert, dass du das nicht kannst oder willst. Oder ob er dazu nicht fähig ist. Wenn nicht, hat sich die Beziehung aus dem richtigen Grund erledigt.
Daher: Richte dir z. B. feste Zeitslots ein, um deine Energie zu schützen. Zum Beispiel morgens und abends je 10 Minuten für Swipen und Nachrichten schreiben. Beende Telefonate nach 10 Minuten, fühl dich nicht verpflichtet, sofort zu antworten, und brich Kontakte ab, die deine Zeit und Energie verschwenden.
Introvertiert zu sein, ist kein Makel
Laut Myers-Briggs-Test bin ich 90 % introvertiert – und das ist keine Schwäche. Mein Partner schätzt genau das an mir und berücksichtigt es – auch wenn er mich nicht immer in allem versteht. (Obwohl er selbst introvertiert ist.)
Wenn du weißt, wonach du filtern musst, klare Grenzen setzt und dabei nicht an dir zweifelst, ist es im Online-Dating kein Nachteil, introvertiert zu sein. Was uns jedoch oft im Weg steht, sind:
- Selbstzweifel wie „Ich bin nicht gut genug, so wie ich bin“, „Mache ich das richtig?“
- Mangeldenken, dass nicht genug passende Männer übrigbleiben
- Sich zu verbiegen und übermäßig anzupassen
- Blockierende Glaubenssätze wie „Ich muss nett sein“ oder „Ich bin nicht nett, wenn ich Grenzen setze“
Aber du bist nicht hier, um von jedem gemocht zu werden. Sondern um den richtigen Mann für dich zu finden. Und dafür musst du so auftreten, wie du wirklich bist. Sonst werdet ihr nicht wirklich zueinanderpassen.
Wenn du dich verstellst, wirst du nur jemanden anziehen, der nicht zu deinem wahren Ich passt. Deswegen ist wirklich du selbst zu sein, das Beste, was du im Dating tun kannst.
Ich spreche aus Erfahrung: Ich hatte auch viele Selbstzweifel, als ich gedatet habe, und habe mich gefragt, ob etwas mit mir falsch ist, weil ich keinen Partner finde. Aber rückblickend war das alles unbegründet: Die Selbstzweifel hatte ich nur bei den Männern, die nicht die Richtigen waren.
Wer hat’s geschrieben?
Ich bin Caroline, Beziehungscoach, und ich arbeite mit Frauen, die sich in Beziehungen und Dating gesehen und wertgeschätzt fühlen möchten. Ich begleite sie dabei, in Partnerschaften selbstwirksamer zu werden und in ihre weibliche Kraft zu kommen, sodass sie eine gesunde, glückliche Beziehung leben können.
Mit der Liebe läuft es nicht so, wie du es dir wünschst? Auf meiner Website findest du einen kostenlosen Minikurs, der dir hilft, die Ursachen zu erforschen, damit du daran arbeiten kannst. Egal, ob du Single bist und es dir schwerfällt, den Richtigen zu finden, oder bereits in einer Beziehung, aber es sich irgendwie nicht „richtig“ anfühlt.

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