Einfach nur schüchtern? Oder gesichtsblind!

Einfach nur schüchtern? Oder gesichtsblind! Gastartikel von Eric Salbert. Rechts ein Foto des Autors.

Gastartikel von Eric Salbert

Es war ein sonniger Tag in der Kindheit, irgendwann in der dritten Grundschulklasse. Mein Vater und ich waren auf einem Sportfest, haben uns die Spiele angeschaut an einem schönen Nachmittag.

Als wir gerade wieder losgegangen sind, kam uns eine Frau entgegen. Die beiden begrüßten und unterhielten sich kurz. Ich stand stumm daneben, denn ich wusste nicht, wer das war. Nach dieser Begegnung fragte mich mein Vater etwas genervt, warum ich meine Klassenlehrerin denn nicht grüße.

Ähnliches spielte sich in der Nachbarschaft ab. Warum grüße ich denn die Nachbarn nicht, wurde gefragt. Mich hat das verunsichert und ich versuchte deshalb, den Menschen in der nahen Umgebung auszuweichen.

Wenn ich dagegen wusste, wer da kommt, habe ich schon gegrüßt. Auch in meiner Grundschule selbst hatte ich meistens keine Probleme damit – solange ich die Personen an einem Ort erwartet habe. Erst später sollte ich lernen, an bestimmten Orten einfach alle zu grüßen, die mir über den Weg liefen.

Erklärt wurde mein Verhalten damit, dass ich eben schüchtern sei und auf einem Auge nur schlecht sehe. Das war naheliegend. Denn ich bin tatsächlich funktionell einäugig und das führt manchmal dazu, dass ich etwas übersehe.

Aber der ausschlaggebende Grund war das nicht. Denn was ich erst später erfahren sollte:

Ich bin gesichtsblind.

Nie gehört! Was ist denn Gesichtsblindheit?

Gesichtsblindheit (der Fachbegriff lautet Prosopagnosie) ist eine Wahrnehmungsschwäche, die dazu führt, dass Gesichter nur sehr schlecht oder gar nicht wiedererkannt werden. Gut 2 % der Bevölkerung sollen hiervon betroffen sein.

Trotzdem ist diese Wahrnehmungsschwäche sehr unbekannt. Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich bei Gesichtsblindheit um ein Spektrum handelt. Manche haben eine leichtere Form und Probleme vor allem beim Erkennen von flüchtigen Bekannten, andere erkennen sogar ihre Eltern kaum wieder.

Einige haben zudem Schwierigkeiten, bestimmte Emotionen oder die Geschlechtsidentität am Gesicht abzulesen (an der Stimme kann das dagegen wieder gut funktionieren).

Für Gesichtsblinde sind daher andere Merkmale wie Kleidung, Frisur, Schmuck oder die Statur bedeutungsvoll. Ein vollwertiger Ersatz sind diese Merkmale jedoch nicht, denn diese Merkmale ändern sich laufend. Zudem können unterschiedliche Menschen eine ähnliche Frisur haben. Was dann?

Die Stimme ist ein wichtiges Identifikationsmerkmal, aber dafür muss erst mal ein Gespräch mit der „unbekannten“ Person begonnen werden. Gesichtsblindheit kann zu Stress im Alltag und sozialen Ängsten führen.

Kommt dir das bekannt vor?

Ich vermute ganz stark, dass es einige Menschen gibt, die als sehr introvertiert gelten – bei denen aber (zusätzlich) noch andere Ursachen dafür sorgen, dass soziale Situationen so viel Energie rauben.

Gesichtsblind und schüchtern

Ich selbst bin in der Jugend in eine Depression reingerutscht und habe mich emotional immer unsicherer und blockierter gefühlt. Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, dass dies nur an der Gesichtsblindheit lag, einen Einfluss hatte es aber mit Sicherheit.

Das wurde erst nach einem späten Schulwechsel langsam wieder besser. Ich habe irgendwie neue Kraft gefunden und die Chance genutzt, neue Freundschaften aufzubauen und mehr zu unternehmen. Dennoch habe ich mich weiterhin unsicher gefühlt. Mir war bewusst, dass ich Probleme hatte, andere Menschen wiederzuerkennen.

Im familiären Umfeld galt ich weiterhin als introvertiert und eher schüchtern – was ja zwei völlig unterschiedliche Dinge sind, aber aus Unwissenheit oft in einen Topf geworfen werden.

Ich habe gespürt, dass mein Problem keines ist, das sich durch Introversion erklären lässt. Eigentlich bin ich sogar eher ein extrovertierter Mensch (oder “ambivertiert”, wie ich hier auf diesem Blog gelernt habe🙂).

Nein, das Problem war etwas anderes.

Angst vor Nachteilen

Über Gesichtsblindheit bin ich das erste Mal zufällig in einem Artikel gestolpert. Das ist nun schon lange her und war zum Ende meiner Schulzeit.

Ich habe leider in derselben Zeit schlechte Erfahrungen gemacht, als ich meine depressive Jugendzeit thematisieren wollte. Das Thema wurde unter den Teppich gekehrt, anstatt anerkennend damit umzugehen.

Dadurch konnte ich mich nicht öffnen und habe versucht, die Gesichtsblindheit zu verstecken. Nur sehr wenigen habe ich davon erzählt.

Mein Eindruck ist, dass viele Betroffene ihre Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen, häufig verbergen, vielleicht aus Angst vor Nachteilen.

Die folgenden Beschreibungen zum Umgang mit meiner Schüchternheit und mit der Gesichtsblindheit sind wohl eher extrovertierte Vorgehensweisen. Falls du introvertiert und gesichtsblind bist, interessieren mich sehr deine Bewältigungsstrategien. Es gibt bestimmt noch eine Menge Ideen und Tipps.

Raus aus der Schüchternheit

Meine Schüchternheit wollte ich unbedingt loswerden.

Mir kam eine Idee. Immer, wenn ich die Möglichkeit habe, etwas zu unternehmen, unter Leute zu gehen, jemanden anzusprechen oder Ähnliches stelle ich mir selbst die Frage:

  • Kann ich mich überwinden, das jetzt zu machen, auch wenn es erst mal unangenehm ist?

Falls es ZU unangenehm ist, lasse ich es bleiben. Wenn ich mich jedoch „nur“ unsicher fühle, mich aber überwinden kann, ziehe ich es durch.

Dieses bewusste Vorgehen war oft im ersten Moment anstrengend, aber ich konnte tatsächlich meine Komfortzone erweitern.

Ich habe mehr unternommen und wurde irgendwann lockerer bei neuen Bekanntschaften. Als ich im Studium war, habe ich ein Auslandssemester gemacht. Darauf hatte ich zwar Lust, aber es hat mich natürlich auch erst einmal verunsichert. Aber egal, ich wollte mich dem stellen und ins kalte Wasser springen.

Auf ähnliche Weise habe ich mich häufiger überwunden und bin neue Situationen angegangen.

Ich glaube, dass ich mich dazu überwinden konnte, weil ich mich über mich selbst so geärgert hatte. Das wurde dann irgendwie mein Antrieb.

Umgang mit meiner Gesichtsblindheit (aber immer noch nicht im Reinen)

Die Schüchternheit konnte ich über mehrere Jahre nach und nach überwinden. Aber so richtig frei habe ich mich nicht gefühlt, sondern immer wieder emotionale Downs gehabt.

Mit der Gesichtsblindheit war ich weiterhin nicht im Reinen.

Mittlerweile wusste ich, dass ich am besten einfach alle freundlich grüße, die an einem bestimmten Ort (Büro, vor dem Haus usw.) auftauchen. In der Kindheit wusste ich solche Dinge natürlich noch nicht.

Ich wusste auch erst in der Schulzeit nach der Beschwerde einer Lehrerin, dass man anderen im Gespräch in die Augen oder zumindest ins Gesicht schauen sollte. Gesichtsblinde wissen so etwas nicht intuitiv, sondern müssen das lernen.

Es gibt eine Reihe von Bewältigungsstrategien, die vermutlich die allermeisten Gesichtsblinden nutzen.

Auf Partys habe ich bekannte Leute häufiger nicht direkt erkannt und ich habe versucht, das zu überspielen, indem ich einfach möglichst offen mit allen spreche, damit es nicht auffällt. Meistens konnte ich mich zu Beginn der Party dann irgendwie ganz gut durchhangeln, bis ich (wieder) wusste, wer wer ist.

Ich habe häufiger meinen Job gewechselt, zeitweise war ich selbstständig. Das waren bewusste Entscheidungen und gewollt. Aber gleichzeitig war jeder neue Job erst mal stressig, weil ich Zeit gebraucht habe, um die Kollegen am Arbeitsplatz halbwegs auseinanderzuhalten. Ganz besonders in Großraumbüros.

Es wurde leichter

Witzigerweise wurde ich dadurch – entgegen meiner früheren Schüchternheit – irgendwann sogar noch proaktiver. Ich habe außerdem gelernt, schnell eine persönliche Ebene zu neuen Bekannten aufzubauen. Auch im Small Talk wurde ich gut und habe das immer wieder geübt. Dadurch wurde der Umgang mit der Gesichtsblindheit für mich leichter.

Trotzdem: Obwohl ich durch viele Situationen ganz gut gekommen bin, gab es weiterhin zusätzlichen Stress und Unsicherheit. Egal, welche Strategien das Problem abfedern mögen, es bleibt eine Belastung. Es hat mir jedes Mal einen Stich versetzt, wenn ich wieder an jemandem vorbeigelaufen bin und die Person nicht erkannt habe.

Endlich zur Gesichtsblindheit stehen und das Beste draus machen

Vor einigen Jahren wurde ich Vater und die Situation hatte sich dadurch verschlimmert (nach einiger Zeit relativer Ruhe mit dem Thema Gesichtsblindheit), dass ich plötzlich ganz viele Familien im nahen Wohnumfeld kannte (wo ich vorher eher anonym unterwegs war).

Eigentlich war das total schön, besonders für die Kinder.

Aber plötzlich hatte ich ständig das Gefühl, andere nicht zu sehen und nicht zu grüßen (oder mehrmals zu grüßen, je nachdem) und habe auch mal einen Kommentar mitbekommen, dass ich oberflächlich und nicht so interessiert sei, weil ich ja nur im Hausflur mit der betreffenden Person spreche.

So konnte es nicht weitergehen.

Ich musste mich öffnen und offen meine Gesichtsblindheit „ausleben“.

Es ist mir nicht leicht gefallen, sondern es war ein langwieriger Prozess. Das zu beschreiben wäre an dieser Stelle wohl zu lang …

Irgendwann habe ich es jedoch zum Glück geschafft und konnte wirklich vielen Leuten von meiner Gesichtsblindheit erzählen. Im Gegensatz zu früher habe ich nur positive Erfahrungen damit gemacht und jedes Mal eine große Erleichterung verspürt.

Eine Initiative für mehr Aufklärung

Ich glaube, dass Gesichtsblindheit (und ganz allgemein die verschiedensten Ausprägungen unserer Wahrnehmung) etwas ist, das noch viel zu sehr im Verborgenen liegt.

Deshalb habe ich vor Kurzem eine Initiative unter Gesichtsblind.org gestartet, die für mehr gesellschaftliche Aufklärung sorgen soll. Ich hoffe, dass Gesichtsblindheit und die damit verbundenen Herausforderungen endlich mehr in die Öffentlichkeit gelangen.

Immerhin ist die Gruppe der Betroffenen mit über 2 % wirklich groß und selbst betroffene Personen wissen nicht immer von dieser Wahrnehmungsschwäche.

Aufklärung sollte aus meiner Sicht dabei möglichst ganz früh ansetzen und gesichtsblinde Kinder und deren Familien abholen, damit erst gar keine großen emotionalen Schwierigkeiten entstehen.

Es gibt viel zu viele Dinge, an denen Menschen leiden, weil es einfach an Bewusstsein dafür mangelt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Introvertierte mit ihren Erfahrungen dem zustimmen werden.

Vielleicht hast du ja selbst Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen.

Wie ist das bei dir? Kommst du damit gut klar oder verunsichert es dich? Führt es sogar zu Schüchternheit bei dir und möchtest du manche Situationen am liebsten vermeiden?

Über den Autor

Eric Salbert

Eric Salbert ist gesichtsblind und seine persönliche Mission ist, für Aufklärung rund um diese Wahrnehmungsschwäche zu sorgen – denn diese kann im Alltag ganz schön anstrengend sein.

Deshalb hat er Gesichtsblind.org mit dem Ziel gestartet, mehr Bewusstsein für diese Veranlagung zu schaffen.

Er lebt in seiner Wahlheimat Berlin und ist Vater zweier wundervoller kleiner Kinder. Zwischendurch powert er sich gerne bei einer Runde Sport aus, sucht nach Gott und dem Sinn, liest ein gutes Buch oder genießt einfach ein leckeres Essen.

4 Kommentare

  1. Was sind deine Gedanken dazu? Hast du Fragen oder Anregungen?
    Eric und ich freuen uns auf dein Feedback!

    Alles Liebe
    Mim

  2. Hallo Mim,
    hallo Eric,

    das war ein sehr spannender Einblick, mit dem Thema Gesichtsblindheit hatte ich mich vorher noch nicht befasst.

    Eins kommt mir aber bekannt vor: der Vorwurf von älteren Nachbarn in meiner Kindheit, ich würde nicht grüßen. Ich war schüchtern und introvertiert – ich vermute, dass ich einfach oft in meine eigenen Gedanken vertieft war und es gar nicht immer gemerkt habe, wenn der Nachbar vor seiner Haustür still an den Blumen herumwerkelte. Außerdem fiel es mir schwer, bei Personen, die ich nicht gut kannte, die Initiative zu ergreifen. Laut, von mir aus, einen Gruß zu rufen war definitiv außerhalb meiner Komfortzone. Da hätte ich mir gewünscht, dass die Nachbarn einfach von sich aus grüßen, wenn ihnen das wichtig ist. Das hätte mich aus meinen Gedanken gerissen, und Antworten wäre mir ganz sicher leichter gefallen als selbst zuerst zu grüßen.

    Würde es Dir als Gesichtsblindem helfen, wenn Nachbar*innen oder Bekannte Dich zuerst ansprechen? Könntest Du sie dann an der Stimme erkennen oder wäre das zu kurz?

    Ich bin gespannt 🙂

    Liebe Grüße
    Paula

    1. Hallo Paula,

      vielen Dank für deinen Kommentar.

      Dein Problem mit dem Grüßen kenne ich auch. Früher ging es mir ganz ähnlich, auch aus Schüchternheit. Mir wäre es damals definitiv leichter gefallen, wenn die andere Person zuerst gegrüßt hätte.

      Deine Frage an Eric leite ich gerne weiter. 🙂

      Liebe Grüße
      Mim

    2. Hi Paula,

      danke für deine Frage 🙂

      Es kommt ein bisschen drauf an. Wenn jemand nur ganz leise ein „Hallo“ vor sich hinmurmelt, ist der zusätzliche Erkennungswert nicht so groß. Immerhin weiß man dann aber, dass die Person einen wahrscheinlich kennt und das ist auch schon etwas wert.

      Wenn jemand lachend ein freundliches und deutliches „Hallo“ ruft, hilft das sehr. Die Chance, die Person zu erkennen, ist dann durch die Stimme und Gestik auf jeden Fall größer.

      Ganz allgemein ist der Kontext sehr wichtig für Gesichtsblinde. Im Hausflur oder direkt vor der Eingangstür grüße ich alle und die Nachbarn, mit denen ich öfter spreche, kann ich dann meistens auch ganz gut zuordnen.
      100 Meter vom Haus entfernt sieht das schon wieder ganz anders aus. Hier erkenne ich viele nicht mehr auf Anhieb.
      Ich finde deine Erfahrungen interessant. Ein Punkt dabei ist mir auch schon aufgefallen: Es gibt Menschen, die erwarten als erstes begrüßt zu werden, ohne selbst aktiv von sich aus zu grüßen. Dieses Verhalten habe ich nie richtig verstanden…

      LG
      Eric

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