Geh mir weg mit deiner Leichtigkeit

Geh mir weg mit deiner Leichtigkeit

Dieser Blogbeitrag wird mir sicher einiges an Kritik einbringen. Aber das ist okay, Meinungen sind verschieden. Perspektiven und Erfahrungen auch. Und ich kann in diesem Fall nur von mir selbst sprechen, biete aber jedem, der etwas dazu sagen will, an, dies in den Kommentaren zu tun. Ich bin immer offen für andere Sichtweisen und auch bereit, meine Meinung zu ändern, wenn man mich überzeugt.

In letzter Zeit habe ich immer mehr das Gefühl, dass das Wort „Leichtigkeit“ mich verfolgt. Überall taucht es auf, groß und breit und blinkend. Und ich will einfach nur die Seite wegklicken und mich verkrümeln. Denn: Mit dem Begriff kann ich überhaupt nichts anfangen. Ja, ich reagiere geradezu allergisch darauf.

Aber der Reihe nach …

Immer soll alles „leicht“ sein

Ich helfe dir, dein erfolgreiches Herzensbusiness mit Leichtigkeit aufzubauen.“

So oder so ähnlich beschreiben Coaches und Mentor*innen immer häufiger ihre Angebote. Es soll wohl Menschen anlocken, die ein Leben führen möchten, in dem alles easy peasy von der Hand geht.

Leichtigkeit. Was bitte ist diese Leichtigkeit? Und warum hält sie jeder für so erstrebenswert? Etwas, worüber ich mir schon oft den Kopf zerbrochen habe.

Lebensqualität trotz „Schwere“?

Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hatte noch nie das Gefühl, dass mein Leben „leicht“ sei. Ich hatte jetzt zwar auch kein unglaublich traumatisierendes Leben, aber es gab immer genug zu kämpfen und alles hat viel Energie und Anstrengung gekostet.

Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich bereits mit vierzehn erste Anzeichen meiner heute chronischen Erkrankung hatte und diese sich in den darauffolgenden Jahren drastisch verschlimmerte. Bis heute werde ich davon stark beeinflusst und selbst alltägliche Dinge sind oft eine Herausforderung, die Kraft kosten.

Habe ich deshalb eine verminderte Lebensqualität und fühle mich die ganze Zeit über schlecht? Ganz klar: Nein!

Ich habe Einschränkungen, aber mithilfe von Medikamenten komme ich einigermaßen klar und habe zudem liebe Menschen an meiner Seite, die mich bei den Dingen, die mir nicht allein gelingen, unterstützen.


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Auch ich habe Visionen

Ich bin ein Mensch, der gerne träumt. Groß träumt. Und ja, ich habe Visionen und Ziele, die mich antreiben und mein Leben bereichern.

Einige meiner Träume habe ich bereits erreicht, an anderen arbeite ich noch. Ich bin stolz darauf und hatte auch oft schöne, freudige Momente auf dem Weg zu meinen Zielen. Häufig waren es Kleinigkeiten, aber ich finde, die sollte man genauso schätzen, wie große Erfolge. Es gab Augenblicke, da bekam ich viel Applaus und habe mich unglaublich frei gefühlt.

Aber leicht war es nicht. Es bedurfte viel Arbeit, Mut und vor allem Energie.

Immer wieder kam ich in Situationen, in denen ich am liebsten aufgegeben hätte. Manches habe ich auch abgebrochen, aber das waren dann Dinge, die ohnehin nicht das Richtige für mich gewesen wären.

Selbst heute, mit meinem großen Projekt still & sensibel, würde ich mein Leben nicht als „leicht“ bezeichnen. Noch immer kostet es mich viel Energie, all die Dinge zu tun, die anstehen. Sie machen mir aber auch Freude und geben mir einen Sinn im Leben.

Ich würde mein Leben niemals gegen ein anderes eintauschen wollen.

Trotzdem ist es nicht leicht.

Leichtigkeit = Hohn?

Es klingt für mich immer ein bisschen nach Hohn und Spott, wenn mir jemand erzählt, dass ich mein Leben mit Leichtigkeit leben soll. Das hört sich für mich so an, als wolle die Person mir sagen, dass ich mein Leben bisher falsch angehe, nur weil es sich für mich nicht immer einfach anfühlt und mir nicht alles zufällt.

Ich liebe mein Leben. Ich bin zufrieden mit mir selbst und habe endlich meine Berufung gefunden. Aber diese Berufung zu leben, erfordert viel Kraft, die ich nicht immer aufbringen kann. Und ich finde, man braucht nicht chronisch krank zu sein, um sich an dieser „Positive-Vibes-Only“-Mentalität zu stören.

Sagen wir’s mal so: Ich bin kein Pessimist (auch wenn das in diesem Artikel vielleicht so den Anschein macht) und versuche immer, selbst schwierigen Situationen noch etwas Positives abzugewinnen. In den letzten Jahren habe ich gelernt, mit negativen Emotionen besser umzugehen. Das war notwendig, weil ich sonst gar nicht mehr aus der Abwärtsspirale rausgekommen wäre. Dabei habe ich eine gesunde Portion Optimismus entwickelt und schreibe diesen Artikel auch nicht, weil ich jammern will, denn das tun Menschen, die unzufrieden sind.

Ich liebe bloggen. Aber es ist nicht leicht.

Trotzdem kostet es mich Kraft, mich hinzusetzen und zum Beispiel einen Blogartikel zu schreiben. Ich liebe es, komme auch oft mit der Zeit in den Flow und habe viel Spaß dabei. Aber trotzdem spüre ich, dass es mich enorm anstrengt, mich mehrere Stunden auf den Hosenboden zu setzen und zu schreiben. Es gibt mir auch Energie, kreative Energie. Und manchmal vergesse ich darüber völlig die Zeit. Für eine Weile bin ich ganz in meinem Element. Doch danach merke ich, wie ich erschöpft bin.

Und es verlangt Mut von mir. Ja, bloggen braucht viel Mut, denn man bringt darin seine eigene Sichtweise zum Ausdruck und macht sich damit angreifbar. Häufig überlege ich es mir mehrmals, ob ich wirklich den „Veröffentlichen“-Button drücken soll. Nicht immer bringe ich den Mut auf.

Ich würde deshalb nie auf die Idee kommen, zu sagen, dass ich Blogartikel mit Leichtigkeit schreibe. Ich schlafe höchstens anschließend mit Leichtigkeit ein, weil ich so geschafft bin.

Deshalb frage ich mich: Ist es so falsch, ein Leben zu führen, das eine gewisse „Schwere“ mit sich bringt, aber einen trotzdem glücklich macht? Ist man selber schuld, wenn man kämpfen muss, um seine Ziele zu erreichen, anstatt alles locker aus dem Ärmel zu schütteln?

Ich sage: Nein!

Es muss nicht immer alles leicht sein, damit es richtig ist. Es darf auch mal schwer sein.

Schlussgedanken

Hoffentlich wurde mein Standpunkt einigermaßen klar. Ich halte das Wort „Leichtigkeit“ für etwas problematisch, weil es schnell missverstanden werden kann. Dabei vermute ich, dass die Coaches, die ihre Angebote mit „Leichtigkeit“ bewerben, nicht mal unbedingt meinen, dass mit ihrer Methode alles „easy peasy“ sei.

Aber für mich kommt es so rüber und ich denke, damit bin ich nicht alleine.

Was denkst du darüber? Was löst das Wort „Leichtigkeit“ in dir aus? Fühlst du dich davon angesprochen oder spürst du einen Widerstand? Lass mich in den Kommentaren gerne an deinen Gedanken teilhaben.

PS: Vielleicht sollte ich zum Schluss noch erwähnen, dass mein Persönlichkeitstyp nach dem DISG-Modell einen hohen Blauanteil hat. Das erklärt vielleicht auch, warum ich auf das Wort „Leichtigkeit“ absolut nicht anspringe.

PPS: Im Übrigen wurde ich zu diesem Blogbeitrag von einem LinkedIn-Post der lieben Anna Koschinski inspiriert.

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8 Kommentare

  1. Danke für den Artikel! Ich stimme dir voll zu, Mim. – Und ich bin auch noch Coach! 😉
    Manchmal ist es schwierig und schwer im Leben. Punkt! – Wer etwas anderes behauptet, macht sich in meinen Augen unglaubwürdig.
    Was ich sagen kann ist höchstens: Es wird leicht-er oder schaffbar-er, wenn man sich Unterstützung holt. „Leicht“ und fluffig wird ‚es‘ davon nicht. Das macht aber auch nichts, denn wir Menschen können schwierige Dinge. Nicht andauernd und ohne Erholung natürlich, das sollte klar sein. Aber etwas Schweres geschafft haben, macht ja auch super stolz! Und deshalb muss für mich auch nicht alles leicht sein, damit mein Leben erfüllend und erfüllt ist.

    1. Hallo Claudia,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar.

      Ja, da muss ich dir recht geben. Wenn man sich Unterstützung holt, wird es leicht-er. Ich habe gerade auch Unterstützung und merke schon, dass mir das einiges an Last abnimmt. Allerdings werden durch Coachings oder Mentorings oft auch große Veränderungen angestoßen, die zu innerem Wachstum führen. Das kann wiederum auch erst mal schwer sein, weil wir uns aus unserer Komfortzone trauen und an neue Gegebenheiten gewöhnen müssen. Wenn manche Coaches betonen, dass sie mit ihrem Programm zu Leichtigkeit verhelfen, vermittelt das in meinen Augen immer ein bisschen, dass sich die Leute dann nicht anstrengen müssen, um erfolgreich zu sein. Dabei kommt ja ERST die „schwere“ Transformation, und DANN wird es (eventuell) „leichter“.

      Und ja, das stimmt, etwas Schweres geschafft zu haben und darauf stolz zu sein ist ein schönes Gefühl. Und ich finde, von solchen schweren Hürden im Leben lernt man auch am meisten. Aber das ist wieder ein anderes Thema … 😀

      Herzliche Grüße
      Mim

  2. Danke für deine ausführliche Antwort, die ich erst jetzt gesehen habe.
    …das Unbequeme am persönlichen Wachstum wird gerne mal nicht erwähnt. Das stimmt! …dabei steht das sozusagen hinten drauf: Unser Hirn findet es nicht gut, wenn wir ihm in die Routinen pfuschen, das kostet einfach viel mehr Energie als Autopilot….aber auch das ist wieder ein anderes Thema… 🙂

    1. Hallo Claudia,

      ja, ich muss unbedingt mal schauen, ob es ein Plugin gibt, mit dem Kommentierende eine Benachrichtigung über nachfolgende Kommentare abonnieren können. Das wäre sehr praktisch. Denn so denkt man ja auch nicht immer daran, zu schauen, ob es eine Antwort gab. 🙂

      Absolut! Da gebe ich dir ganz recht. Das Hirn mag es gar nicht, wenn man sich aus der Komfortzone bewegt. Deshalb ist das auch so eine große Überwindung.

      Ich glaube mittlerweile daran, dass ich mehr „Leichtigkeit“ erreichen kann, wenn ich weiter gewachsen bin. Aber eigentlich hört persönliches Wachstum ja nie auf, oder? Es ist ein ständiger Prozess.

      Liebe Grüße
      Mim

  3. Danke für diese tollen Denk-Impulse!

    1. Gerne. Ich danke dir für dein Feedback, Lukas. 🙂

  4. Ich mag den Beitrag sehr, vielen Dank für deine Reflektion.
    Ich bin Resilienztrainerin und Coach für hochsensible, introvertierte Frauen und habe lange mein Angebot auch mit LEICHTIGKEIT an meine Klientinnen bringen wollen. Je mehr Leichtigkeit ich transportieren und verkaufen wollte umso größer wurde die SCHWERE in mir, was natürlich auch meine möglichen Interessentinnen spürten.

    Der Weg durch mein Studium und durch viele Herausforderungen davor und auch danach, war oftmals auch kein leichter. Leichter fühlt es sich für mich nach innen an, seitdem ich weniger wert auf die Bewertungen lege. Das lässt mich oftmals leichter fühlen, trotz schwere die viele Herausforderungen oftmals mit sich bringen.

    1. Hallo liebe Angela,

      vielen Dank für dein Feedback.

      Hihi, ja, ich glaube, „Leichtigkeit“ ist ein sehr beliebter Begriff bei Coaches, aber er wird oft auch falsch verstanden. Ich glaube, häufig versteht der/die Coach darunter etwas ganz anderes, als potenzielle Kund*innen, kann das sein? Das ist jedenfalls so mein Eindruck.

      Und ja, diese innere Schwere kenne ich auch sehr gut. Wobei es natürlich auch Momente gibt, die sich für mich „leicht“ anfühlen. Zum Beispiel, wenn ich so richtig im Flow bin beim Schreiben. Dann fühlt sich das irgendwie leichter an und ich vergesse auch oft die Zeit dabei. Aber wenn ich dann fertig bin oder ein paar Stunden vergangen sind, holt mich die Erschöpfung und Schwere wieder ein. Und dann gibt es Tage, da fällt mir das Schreiben schon von Anfang an sehr schwer.

      Ah, du meinst Bewertungen von anderen Menschen? Darauf legst du nicht mehr so viel Wert und seither fühlst du dich leichter? Das klingt für mich sehr plausibel. Interessanter Punkt! Ich denke, an meiner Unabhängigkeit von der Meinung anderer muss ich auch noch arbeiten.

      Ganz liebe Grüße
      Mim

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