Hochsensibel oder hochsensitiv? Das ist der Unterschied!

Hochsensibel oder hochsensitiv? Das ist der Unterschied!

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Bist du hochsensibel oder hochsensitiv?

„Gute Frage! Ist das nicht dasselbe?“

Das dachte ich auch lange und es gibt noch immer viele Experten, die die beiden Begriffe synonym verwenden.

Anne Heintze nicht! In ihrem Buch „Außergewöhnlich NORMAL“ * verrät sie u. a. wie sie die beiden Begriffen „Hochsensibilität“ und „Hochsensitivität“ unterscheidet und gibt praxisnahe Ratschläge und Tipps, wie Betroffene damit umgehen können.

In diesem Blogpost erfährst du,

  • wie die Begriffe „hochsensibel“ und „hochsensitiv“ entstanden sind
  • wie Anne Heintze sie unterscheidet
  • welche Ausprägungen und Merkmale es gibt
  • wie es sich anfühlt, hochsensibel und hochsensitiv zu sein

Ist Hochsensibilität und Hochsensitivität dasselbe?

In den 90er-Jahren prägte die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron den Begriff „highly sensitive person“ (hochsensible Person, kurz HSP). Ihr Buch The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You“ *, das 1996 auf den Markt kam, gilt heute als Standardwerk über das Thema Hochsensibilität. Die deutsche Ausgabe erschien 2005 im mvg Verlag unter dem Titel „Sind Sie hochsensibel?: Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen*.

Übersetzt wurde „highly sensitive person“ erst mit „hochsensible Person“ und dann mit „hochsensitive Person“. Die meisten Menschen, auch Fachleute, nutzen „hochsensibel“ und „hochsensitiv“ daher synonym.

„Hochsensibel“ ist das geläufigere Wort und auch ich benutze es am liebsten.

Doch manche bevorzugen „hochsensitiv“, weil der Begriff neutraler klingt. „Sensibel“ ist eher negativ besetzt und vor allem Männer tun sich schwer damit, als „Sensibelchen“ zu gelten. Kleinen Jungs wird bereits eingebläut, dass sie hart und stark sein müssen. Gefühle haben da keinen Platz. Ich finde das furchtbar, weil es ganz schön nach hinten losgehen kann, wenn man ständig unterdrückt, was man empfindet. Aber das ist Stoff für einen anderen Blogpost …

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Anne Heintze macht einen Unterschied

Die HSP-Expertin Anne Heintze verfolgt einen anderen Ansatz.

In ihrem BuchAußergewöhnlich NORMAL: Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten“ * erklärt sie, welchen gravierenden Unterschied sie zwischen „hochsensibel“ und „hochsensitiv“ macht und warum es für sie Sinn ergibt, die beiden Begriffe zu trennen.

Hochsensibel nach Anne Heintze

Nach Anne Heintze bezeichnet „hochsensibel“ Menschen, deren körperliche fünf Sinne (hören, sehen, schmecken, fühlen, riechen) besonders feinfühlig und ausgeprägt sind.

Dazu gehört, dass die Betroffenen z. B. extrem empfindsam reagieren auf

  • Geräusche in ihrer Umgebung
  • grelle Farben und Lichter
  • körperlichen Schmerz
  • Koffein, Tein, Medikamente, Drogen, Alkohol
  • „kratzige“ Textilien, wie z. B. Wollstrumpfhosen
  • heiße/eiskalte Speisen und Getränke
  • starke Geschmäcke wie z. B. Schärfe
  • heftiges Treiben um sie herum
  • unangenehme oder künstliche Gerüchte

Hochsensible Menschen fühlen sich schnell „überreizt“ und möchten sich zurückziehen. Eine Party mit vielen Leuten, lauter Musik, stickiger Luft und blinkenden Lichtern kann für eine HSP die Hölle auf Erden sein.

Auf meiner Seite „Bin ich hochsensibel?“ habe ich verschiedene Anzeichen mit Beispielen zusammengetragen und kostenlose Online-Selbsttests verlinkt (u. a. auch den Test von Elaine N. Aron).

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Hochsensitiv nach Anne Heintze

Unter „hochsensitiv“ versteht Anne Heintze Menschen, die über einen „sechsten“ oder „siebten“ Sinn verfügen. Es geht also nicht darum, dass die fünf physischen Sinne stärker ausgeprägt sind, sondern darum, dass diese Menschen eine extrem hohe Empathie besitzen und Dinge wahrnehmen können, die anderen Menschen verborgen bleibt. Deshalb haben sie auch oft einen Hang zur Spiritualität.

Anne Heintze fasst das so in Worte:

„Hochsensitive sind das, was man „hellsichtig“, „hellfühlig“ oder „hellsinnig“ nennt. Sie sind extrem empathisch, manchmal regelrecht medial. Sie haben Ahnungen, Visionen oder andere Empfindungen aus der „nicht-alltäglichen Wirklichkeit“.

Für Hochsensitive ist es selbstverständlich, dass es Energien außerhalb unserer alltäglichen Wahrnehmung gibt, denn sie nehmen sie direkt wahr. Manche Menschen haben diese Fähigkeiten schon seit frühster Kindheit. Bei anderen entwickeln sie sich erst im Erwachsenenalter.“

Quelle: Anne Heintze: Außergewöhnlich NORMAL: Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten. Gütersloh: Ariston Verlag 2013. S. 30

Hochsensitivität macht sich z. B. durch diese Anzeichen bemerkbar:

  • du hast schon öfter etwas geträumt, dass später eintraf
  • du hattest Vorahnungen, die sich genau so erfüllt haben
  • du redest gerne mit Pflanzen oder Tieren
  • du hast als Kind in deiner eigenen „Fantasiewelt“ gelebt
  • du kannst es nicht ertragen, wenn andere Lebewesen leiden
  • du kannst weder besonders gut lügen, noch dich verstellen
  • du bist hervorragend darin, „zwischen den Zeilen“ zu lesen
  • du nimmst die Atmosphäre in einem Raum rasch wahr
  • du merkst, wenn sich jemand schlecht fühlt, auch wenn die Person etwas anderes behauptet

Häufig fühlen sich Menschen, die solche unerklärlichen Dinge wahrnehmen, schuldig oder beschämt und trauen sich nicht, anderen davon zu erzählen.


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Hochsensibel und hochsensitiv im Alltag

Damit die ganze Theorie für dich etwas greifbarer wird, möchte ich dir jemanden vorstellen, für den manche dieser Merkmale Alltag sind.

Vor einem guten Jahr durfte ich David kennenlernen. Er lebt im Norden Mexikos und ist sowohl hochsensibel als auch hochsensitiv – doch lange Zeit ahnte er nichts davon.

Das Kind, das über Dinge sprach, die keiner kapierte

Bereits als kleiner Junge merkte David, dass er sich von anderen Kindern unterschied. „Ich dachte, dass ich seltsam bin“, berichtet er mir. „Im Gegensatz zu meinen beiden Brüdern, fühlte ich mich in meiner eigenen Welt wohl, spielte allein und führte Selbstgespräche.“

Gleichaltrigen war er stets voraus. „Ich kann Informationen etwas schneller verarbeiten als die anderen. Deshalb habe ich meinen Mitschülern die Schulfächer erklärt, die sie nicht verstanden. Ich war das ernste Kind, das immer über Dinge sprach, die keiner kapierte.“

Eine Gruppe von Superhelden

„Anders“ zu sein machte David sehr zu schaffen. Er glaubte lange Zeit, dass es nur ihm so ginge – bis er 2016 über den Begriff „highly sensitive person“ (HSP) stolperte.

Herauszufinden, dass er zu einer Gruppe gehörte, die gerne Neues über sich selbst und ihre Umgebung lernte und Dinge spürte, die für die meisten Menschen nicht wahrnehmbar waren, sei ein großartiges Gefühl gewesen.

„Als würde man zu einer Gruppe von Superhelden gehören“, sagt er und lacht.

Wie ein Schwamm

Genau wie ich ist auch David sehr empfindlich bei Lärm und schätzt eine ruhige Umgebung. Menschenmengen laugen ihn aus und er muss sich bereits nach kurzer Zeit zurückziehen. Das hat auch damit zu tun, dass er die Gefühle anderer Leute spürt und sofort die vorherrschende Atmosphäre wahrnimmt, wenn er einen Raum betritt.
„Ich denke, das ist einer der Gründe, warum ich keine Sitzungen und Partys mag. Ich bin wie ein Schwamm, der die Emotionen der Menschen um sich herum aufsaugt. Das ist anstrengend und überwältigt mich manchmal.“

Obwohl David seine feinfühlige Seite schätzt, weiß er, dass sie ihn auch angreifbar macht. „Wir können zur Zielscheibe von toxischen Menschen wie Narzissten werden“, warnt er. „Sie manipulieren uns gerne und nutzen unsere Empathie zu ihrem Vorteil aus.“

Grübeln macht depressiv

David liebt es, etwas Neues zu lernen und auszuprobieren. Jedoch hat er dabei hohe Ansprüche an sich selbst. „Ich reagiere sehr empfindlich auf Kritik“, verrät er. „Deshalb versuche ich, keine Fehler zu machen.“ Obwohl er weiß, dass niemand perfekt ist, zweifelt er oft an sich selbst. Läuft wirklich etwas schief, grübelt er anschließend lange, was er hätte besser machen können.

Dennoch weiß David, dass übermäßiges Nachdenken nicht gesund ist. „Grübeln macht depressiv und schwächt das Selbstwertgefühl.“

Hochsensitive Vorahnungen

In einem unserer Gespräche, erwähnte David beiläufig, dass er eingehende Telefonanrufe vorausahnen könne.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade „Außergewöhnlich NORMAL“ gelesen und wurde sofort hellhörig. War es möglich, dass David nicht nur hochsensibel, sondern auch hochsensitiv ist? In unserer weiteren Konversation bestätigte sich mein Verdacht.

Die Sache mit dem Telefon

David beschreibt seine Wahrnehmung so:

Bevor das Telefon klingle, wecke ein drängendes Gefühl seine Aufmerksamkeit, wie eine Art Vorahnung. „Ich höre anschließend ein sehr seltsames, dumpfes Geräusch. Kurz darauf klingelt das Telefon.“ Seine Familie könne weder die Vorahnung noch das Geräusch wahrnehmen.

Jedoch habe auch seine Mutter einen siebten Sinn. „Sie weiß immer, wer anruft und was der Grund des Anrufs ist“, erzählt David. Er frage sich, ob er seine Hochsensitivität von ihr geerbt habe. „Das würde einiges erklären.“

„Mir würde niemand glauben.“

Generell komme es öfters vor, dass David Dinge wahrnehme, die andere nicht wahrnehmen können, z. B. Geräusche oder Stimmungen. Selbst wenn Menschen versuchten, ihre wahren Gefühle zu verbergen, spüre er sofort, dass sie sich in Wirklichkeit traurig oder unwohl fühlen.

Mit anderen spreche er aber nicht über seine hochsensitiven Fähigkeiten. „Mir würde niemand glauben und die Leute würden denken, dass ich nur Aufmerksamkeit erregen möchte.“

Schlussgedanken

Na, hast du dich in diesem Artikel wiedererkannt? Dann bist du möglicherweise auch hochsensibel und/oder hochsensitiv.

Kanntest du den Unterschied der beiden Begriffe? Oder hast du sie immer synonym benutzt? Um ehrlich zu sein, war mir der Unterschied vor „Außergewöhnlich NORMAL“ noch nicht bekannt. Anne Heintzes Sichtweise ergibt, meiner Meinung nach, aber sehr viel Sinn. Deshalb wollte ich meine neuen Erkenntnisse und Davids Beispiel mit dir teilen.

Alles Liebe,
deine Mim


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4 Kommentare

  1. Das es einen Unterschied gibt, wusste ich tatsächlich nicht. Ich glaube im Bereich Introversion, Hochsensibel … ist auch noch viel Aufarbeitung nötig. Ich merke es als introvertierter Mensch besonders im Arbeitsalltag. Den Eigenschaften extrovertierter Menschen wird oft mehr Wert beigemessen bzw. in Bewertungskriterien berücksichtigt.

    1. Absolut! Leider werden Introversion und Hochsensibilität oft noch als Schwächen dargestellt oder mit Schüchternheit verwechselt. Dabei sind diese Eigenschaften keine Schwäche, sondern können sogar als Stärken gesehen werden. Und ja, im Arbeitsalltag hat man es als ruhiger und sensibler Mensch oft schwer. Das kenne ich auch. 🙁

  2. Du kannst solche koplexen Themen so wunderbar zusammenfassen! Vielen Dank für diesen aber auch die Artikel zu Introversion. Ich versuche so oft anderen Leuten zu erklären, was meine Sicht auf die Welt und mich selbst so sehr verändert hat, weiß aber nie so wirklich wo ich anfangen soll und wie ich alles verständlich und halbwegs kurz erklären kann. Deine Beiträge helfen mir, vielen Dank!

    1. Hallo liebe Melanie,

      oh, das freut mich riesig, dass dir meine Beiträge gefallen und weiterhelfen. Das ist ja – unter uns gesagt – auch mein Ziel mit „still & sensibel“. ☺ Vielen lieben Dank für dein tolles Feedback! <3

      Liebe Grüße
      Mim

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