Introvertiert und der Lockdown

Introvertiert und der Lockdown auf still & sensibel

Von Zeit zu Zeit möchte ich dich in mein Leben als introvertierte HSP mitnehmen, persönliche Erlebnisse und Eindrücke teilen und meine innersten Gedanken zum Ausdruck bringen.

Heute geht es um ein Thema, das dir vielleicht schon aus den Ohren quillt, aber das ich trotzdem gerne ansprechen möchte: die Corona-Pandemie und der Lockdown – aus Intro-Perspektive.

Eine Pandemie bricht aus

Ich bin generell ein furchtbar ängstlicher Mensch. Hätte man mir vor zwei Jahren gesagt, dass eine Pandemie ausbrechen wird, die unser gesamtes Leben auf den Kopf stellt, hätte ich vermutlich einen Nervenzusammenbruch bekommen.

Glücklicherweise wusste ich das nicht.

Als das Coronavirus im Februar 2020 in Deutschland ankam, befand ich mich kurz vor einer Reise. Nicht etwa ins Ausland, sondern nur ins ca. 400 Kilometer entfernte Köln. Aber ein wenig mulmig war mir dennoch, da NRW bereits damals das am schlimmsten betroffene Bundesland war.

Dennoch hatte ich nicht damit gerechnet, dass das mein letzter Urlaub ohne Einschränkungen für eine ganze Weile sein würde. Hätte ich das gewusst, dann hätte ich den Kurztrip trotz des Regenwetters in vollen Zügen genossen und noch viel mehr unternommen.

Nur eine Woche nach meiner Rückkehr kam der Lockdown. Und unser aller Leben haben sich drastisch geändert.

Alles ändert sich

Ich gebe zu, am Anfang war ich schon etwas irritiert, dass plötzlich alles dicht war und die Leute um Klopapier kämpften, als bestünde es aus Geldscheinen.

Ich vermisste es schrecklich, in mein Lieblingsrestaurant gehen zu können oder am Wochenende mit meinem Lieblingsmenschen durchs Einkaufscenter zu bummeln.

Überall eine Maske tragen zu müssen, war zunächst komisch (heute würde es sich für mich eher ohne Maske komisch anfühlen) und ständig war da diese unterschwellige Angst vor Ansteckung.

Trotzdem hatte der Lockdown für mich auch eine positive Seite.

Das „neue Normal“ war „mein Normal“

Mit dem Beginn des Lockdowns wurden die Leute mit einer völlig neuen Lebensweise konfrontiert: viel zu Hause sein, nicht mehr zu Veranstaltungen können oder Partys feiern. Schrecklich!

Schrecklich?

Nein! Für mich nicht.

Denn das, was die Leute als „neues Normal“ bezeichneten, war schon immer „mein Normal“.

Ich liebe es, allein zu Hause zu sein und meine Ruhe zu haben – und der Lockdown war die perfekte Ausrede dafür. Anstatt Leute zu treffen, konnte ich mit ihnen telefonieren oder – was mir noch lieber ist – per E-Mail oder Textnachrichten Kontakt halten.

Ich genoss es, dass die Leute in der Öffentlichkeit 1,50 Meter Distanz halten mussten, anstatt mir auf die Pelle zu rücken. Vor der Pandemie hatte ich mir bereits vorgestellt, wie es wäre, in einer riesigen Seifenblase durch die Welt zu laufen, sodass mir niemand zu nahe kommen kann.

Obwohl ich in der Einflugschneise eines großen Flughafens wohne, war es plötzlich überraschend still am Himmel. Eine wahre Wohltat für meine hochsensiblen Ohren.

Und noch ein positiver Nebeneffekt war zu erkennen: Da die Themen Gesundheit und eigene Vergänglichkeit in den Vordergrund gerückt wurden, beschäftigte ich mich viel mit mir selbst, fing an, mich gesünder zu ernähren und mich weiterzuentwickeln.

Mir wurde wieder einmal bewusst, dass wir nicht unendlich Zeit auf dieser Erde haben. Das versetzte mir den nötigen Arschtritt, meine Ziele, Wünsche und Träume anzupacken, anstatt auf ein Wunder zu warten.


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Kein Einzelfall

Anfangs schämte ich mich ziemlich für diese positiven Gefühle. Schließlich waren wir in einer wirklich beschissenen Notlage, die vielen Menschen weltweit das Leben kostete.

Aber dann stellte ich fest, dass andere Introvertierte und Hochsensible gleich empfanden wie ich.

Mein Lieblingsmensch, selbst eher still und sensibel, genoss es zum Beispiel, dass er viel Home-Office machen durfte und „nervige soziale Pflichtveranstaltungen“ wie der Betriebsausflug oder die Weihnachtsfeier ausfielen.

Auch meine introvertierte Freundin Anna empfand den Lockdown eher als angenehm. Als ich mich mit ihr über den ersten Lockdown unterhielt, gestand sie, dass es ihr nicht leidtue, dass bei ihr einige Familienfeiern und Termine abgesagt werden mussten.
„Ich bin kein großer Freund von Familienfeiern“, erzählte sie mir. „Zu Festivitäten und öffentlichen Veranstaltungen muss ich mich oft überwinden oder brauche eine gute Ausrede, um fernzubleiben. Dank des Lockdowns hatte ich vorübergehend Ruhe vor diesen Anlässen.“

Und ich kann sie da so gut verstehen!

COVID-19 ist ein Arschloch

Nochmals möchte ich erwähnen, dass ich mit diesem Beitrag nicht herunterspielen will, dass die Pandemie viel Leid verursacht hat. Geschäfte, Unternehmen und Gastronomen gingen pleite, Menschen litten unter schlimmen Verläufen, verloren Angehörige oder gar ihr eigenes Leben. Das ist schrecklich und ich wünsche mir auch von Herzen, dass die Pandemie bald vorbei ist. COVID-19 ist ein Arschloch, daran gibt es nichts schönzureden.

Dennoch war ich in der glücklichen Situation, dass die Pandemie weder mein Einkommen gefährdet hat, noch irgendwelche nahen Angehörigen sich ansteckten. Zwar gab es ein paar Leute in meinem weiteren Freundes- und Bekanntenkreis, die betroffen waren, doch schwere Verläufe kamen keine vor.

„Insider“ auf Zeit

Klar freue ich mich, dass ich jetzt wieder in Läden gehen und das feine Essen in meinem Lieblingsrestaurant genießen kann. Aber ganz ehrlich? Ein wenig trauere ich dem Lockdown schon nach.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mich „normal“ gefühlt, weil plötzlich alle Leute ein ähnliches Leben führten wie ich. Der Stempel der Außenseiterin prangte nicht länger auf meiner Stirn und niemand beschwerte sich mehr, wenn ich mich zu Hause einigelte, anstatt mich durch soziale Situationen zu quälen. Ich war ein „Insider“ auf Zeit.

Auch wenn es sich verrückt anhört, bin ich in der Pandemie eher aufgeblüht als eingegangen. Aus dem depressiven nervlichen Wrack, das ich die Jahre davor war, wurde eine Person, die sich selbst lieben lernte und mit ihrer Vergangenheit Frieden schloss. Ich befinde mich noch immer in diesem Prozess, aber wenn man mein heutiges Ich mit der Mimi von 2019 vergleicht, erkennt man den riesigen Unterschied.

Wie geht es dir damit?

Jetzt bist du am Zug. Es interessiert mich brennend, wie du die Pandemie und die Lockdowns bisher erlebt hast.

Kannst du meine Gedanken nachempfinden? Oder ging’s dir die letzten 1,5 Jahre überhaupt nicht gut? Hast du dich einsam gefühlt oder die Ruhe genossen?

Lass es mich in den Kommentaren wissen.


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4 Kommentare

  1. Ich hab es größtenteils auch sehr genossen und merke schon wie mich die steigende Zahl an Terminen nervt. Endlich keine Ausreden mehr erfinden, wenn ich nach meinem Wochenende gefragt wurde. Lesen, fernsehen und spazieren. Alle andere konnten auch nichts anderes machen und es war nicht mehr komisch, dass ich nicht dieses oder jenes besichtigt habe, hingefahren bin etc.

    1. Jaaa, absolut! Ich sehe, wir verstehen uns bei diesem Thema. 😁👍 Man fühlte sich plötzlich nicht mehr so „anders“. Ging’s dir auch so?

  2. Liebe Mimi,
    eine Freundin von mir hat uns damals gebeten, etwas zu positiven Seiten des Lockdowns zu schreiben. Erst war ich ziemlich gespalten, ob ich das tun sollte, wer sollte das verstehen? Dann habe ich mich doch getraut. Inzwischen hält die Lage quälend lange, in immer neuen Zeitschleifen / Wellen an. Aber ich gebe gerne Rückenstärkung für uns alle, die mit etwas anderen Bedürfnissen leben und hoffe wie verrückt, dass die Menschen sich darauf besinnen, dass wir alle verschieden, aber doch gleichwertig sind und sich ein wenig Zeit nehmen, dies verstehen zu wollen.
    Hier für dich als Gegengeschenk zu deinen Blogbeiträgen ein Auszug:

    Jetzt weiß ich: Es gibt Wunder! Definitiv!
    Doch es ist keine gute Fee mit Zauberstab, die hier mal kurz die Welt angehalten hat!
    Nicht Vernunft, sondern pure Angst!
    Das letzte Mittel aller Regierungen gegen die Verbreitung eines winzigen neuartigen Virus.
    Global: Ruhe!
    Nach ungläubigen Schrecksekunden oder Tagen: hoppla, was ist jetzt hier los?
    Aufräumen – Standortbestimmung – was jetzt?
    Was gilt noch? Was brauche ich? Wirklich?

    Die glänzende, positive Seite der Corona-Zeit-Medaille:
    • Zeit für Rückblick, Gedanken teilen.
    • Ich sehe, was ich habe und das ist reichlich!
    • Konsum – Wettbewerb – Erwartungen an mich sinken gegen Null
    • Entschleunigung: Meine beste Art zu leben – Plötzlich finden sich alle darin zwangsweise wieder. Manche erkennen: so verrückt ist das gar nicht! Das Alien-Gefühl kurz mal ganz im Hintergrund.
    • Sehr intensiver Mail-Austausch – lerne Freundinnen von neuer Seite und sehr tief kennen. Weltbild und Selbstbild gewinnt (an Kontur).
    • In-Frage-stellen wird zur Stärke, weniger Anspruchshaltung zur Notwendigkeit. Wir sind jetzt die Starken. „Leere“ besteht nur kurz. Ideen strömen ein, durchatmen, Anlauf nehmen: Neues JETZT! Alte Fertigkeiten gefragt – Nähen, Kochen, Organisieren, Plan B erstellen, Verzichten, Austauschen, Ersetzen, Achtsamkeit, Mitfühlen, Einfühlen.
    • Elementare Regeln im Umgang werden endlich eingeübt und durchgesetzt: Nies mich nicht an! Halte Abstand! Wasch dir die Pfoten! Pack nicht alles an! Halte Abstand! Und kriech mir nicht in den Rücken! Halte deine Hände bei dir und verschone mich mit deinen Rauch- und Körperdämpfen!
    • Es war so schön ohne Auto- und Motorradlärm, nie so viele Vogelstimmen gehört, nie so reine Luft gehabt. Keine aggressiven Sportreportagen, grölende, geladene Menschenmengen
    • Stattdessen existentielle Gespräche: Was ist wirklich? Was wollen wir wirklich? Wonach sehnen wir uns und was ist nur lauter Ersatz, Sicherheit zweiter Klasse im Mainstream?
    • Gegensätze scheinen auf, Missstände werden unübersehbar – werfen auch bei bisher Uninteressierten Fragen auf. Schnelle Not-Pflaster – Neuausrichtung bei Bewertungen – Chance für Änderungen. Aber: Stopp! Nicht rückwärts!!! Verstand nutzen, den eigenen, Lösungen entwickeln, effektiv, nicht fotogen oder lobbygerecht. Generationenunabhängig das „Wir“ stärken.
    • Aufräumen, nicht nur Wohnung und Schränke, Schätze der Vergangenheit finden.
    • Frühere WeggefährtInnen tauchen aus dem Meer der Arbeiten und Termine auf.
    • Andere offenbaren nicht mehr passende Muster; Zeit und Mut sich von diesen zu befreien.
    • Corona-Zeiten als Brennglas für bislang Übersehenes. Filter für Passendes. Zeit zu wachsen für die Menschen. Und mit etwas Glück neue Werte für Wettbewerb anstelle reiner Wachstumszahlen.
    • Mut, meine Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse, Texte zu teilen.
    • Spaziergänge durch stille Landschaften – herrlich!
    • Und ich weiß, klarer denn je, wer die Menschen sind, mit denen ich mein Leben teilen will!

    Angst und Unsicherheit, Irrationalität ist heftig, nervt, raubt Energie und Leben. Aber so eine Beruhigung zwischendrin, das ist wirklich etwas Gutes für mich.
    Corona ist … Mir gefiel es ohne besser, auf jeden Fall!

    1. Hallo MoniSophie,

      vielen Dank für dein Feedback und den Auszug aus deinem Text. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

      Ganz ehrlich? Mir reicht das mit Corona langsam auch. Aber die Vorteile, die sowohl du als auch ich aufgelistet haben, genieße ich trotzdem. Ich versuche einfach, das Beste aus der momentanen Lage zu machen. Ändern kann man es ohnehin nicht, außer sich impfen zu lassen und sich möglichst an die Beschränkungen zu halten. Und das tue ich auf jeden Fall. Ich kann sehr gut verstehen, dass es dir ohne Corona besser gefiel. So eine Pandemie ist ja auch kein schöner Zustand.

      Herzliche Grüße
      Mim

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